09.04.2008 · Können sich deutsche Verlage keine Korrekturleser mehr leisten? Hat sich das „Literarische Quartett“ nur auf die großen Namen gestürzt? Und werden F. W. Bernsteins Gedichte unterschätzt? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Können sich deutsche Verlage keine Korrekturleser mehr leisten? In der dtv-Ausgabe des Romans „Die letzte Kantate“ von Delelis habe ich nicht weniger als acht Druckfehler gefunden. Delia Galioit, Eichenau
Reich-Ranicki: Ich kann nicht sagen, ob die deutschen Verlage sich keine Korrektoren mehr leisten können oder leisten wollen. Ich bin aber sicher, dass man nicht alle Verlage über einen Kamm scheren sollte. Ferner: Ich bin Literaturkritiker, für Druckfehler bin ich nicht kompetent. Ich bitte, mir Fragen, die nicht zu meinem Zuständigkeitsbereich gehören, doch zu ersparen.
Warum ist der wunderbare F. W. Bernstein in der „Frankfurter Anthologie“ bisher nur einmal vertreten? Michael Mohrdiek, Worms
Reich-Ranicki: Weil sich bisher, abgesehen von Robert Gernhardt, kein einziger unserer Lyriker, Kritiker oder Germanisten an Bernsteins Gedichten interessiert gezeigt hat - vielleicht auch deshalb, weil es gar nicht einfach ist, über die Gedichte von Bernstein zu schreiben. Auch ich finde, dass er in der „Frankfurter Anthologie“ unterrepräsentiert ist. Das soll sich ändern.
Vor kurzem meinten Sie in der Beantwortung einer Frage, wer „Madame Bovary“ nicht gelesen habe, wüsste nicht, was Weltliteratur leisten könne. Könnten Sie eine Auswahl von fünfzig (oder mehr!) Büchern nennen, die man unbedingt kennen muss? G. Rechinger, Nürnberg
Reich-Ranicki: Eine solche Liste würde ich wohl schaffen, aber ich muss Sie enttäuschen. Ich werde diese Liste nicht verfertigen. Unter den fünfzig Büchern wären wahrscheinlich zwanzig oder auch dreißig, mit denen ich mich vor vielen Jahren beschäftigt habe. Da möchte ich in der mir verbliebenen Zeit lieber einiges lesen, was mir bisher entgangen ist. Haben Sie dafür Verständnis? Wenn dies nicht der Fall ist, dann schauen Sie im Brockhaus nach, wann ich geboren wurde.
Vor kurzem haben Sie geschrieben, gute Kritiker seien nur selten gute Romanciers. Ein Schuster, meinten Sie, sollte vielleicht doch besser bei seinem Leisten bleiben. Spontan ist mir Susan Sontag eingefallen. Was halten Sie von ihren Romanen? Sabine Werther, Hamburg
Reich-Ranicki: Ich glaube, sie war eine bedeutende Essayistin, doch keine bedeutende Romanautorin.
Trifft meine Beobachtung zu, dass das „Literarische Quartett“ nur Bücher bereits etablierter Autoren besprochen hat oder solche, die von großen Verlagen herausgebracht wurden und für die man in Großanzeigen geworben hat? Harl Kissel, Dahn
Reich-Ranicki: Nein, das stimmt keineswegs. Wahr aber ist, dass neue Bücher von Grass, Walser, Lenz, Rühmkorf oder Enzensberger die Fernsehzuschauer mehr interessiert haben und daher häufiger berücksichtigt wurden als die Versuche der Anfänger. Kleine Verlage oder große Verlage? Jeder Autor, ausnahmslos jeder, möchte selbstverständlich in einem bekannten und anerkannten Verlagshaus erscheinen.
Denn nur solche Verlage können sich die kostspielige und wichtige Werbung leisten, nur solche Verlage haben die für den Autor, zumal für den Anfänger, oft sehr nützlichen Kontakte beispielsweise mit den Rundfunk- und Fernsehsendern.
Man sollte doch die kleineren Firmen unterstützen und fördern? Schon wahr, das mag sogar edel sein. Aber dabei ist schon manch eine Sendung wortwörtlich eingegangen. Das „Literarische Quartett“ hielt sich viele Jahre - nicht ohne Grund. Noch heute werde ich beinahe täglich auf das „Quartett“ angesprochen, warum wohl?
Und noch eine Frage: Warum hat niemand, kein Sender und kein Kritiker, eine vergleichbare Sendung über neue Bücher gemacht? Vergleichbare Sendung heißt unter anderem: eine Sendung mit vergleichbarer Wirkung. Die Sendung von Elke Heidenreich bewundere ich sehr, sie ist von ihrer Wirkung aber keine literaturkritische Sendung.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur