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Fragen Sie Reich-Ranicki Ist Ihnen Kritik von Schriftstellern unwichtig?

09.08.2008 ·  Das Verhältnis von Marcel Reich-Ranicki zu dem Dichter Peter Rühmkorf, den er sehr schätzte, war nicht immer einfach. Rühmkorf war ein ebenso empfindlicher wie origineller Dichter. Marcel Reich-Ranicki erzählt den Beginn eines Zerwürfnisses.

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Sie haben in der F.A.Z. einen liebevollen Text über den verstorbenen Dichter Peter Rühmkorf geschrieben. Er aber hat sich in seinen Tagebüchern mitunter kritisch über Sie geäußert. Hatten Sie einmal mit ihm darüber gesprochen? Oder ist Ihnen Kritik von Schriftstellern nicht so wichtig? Kristina Hudt, Osnabrück

Reich-Ranicki: Was Schriftsteller über meine Kritiken denken, ist mir keineswegs gleichgültig. Dass Rühmkorf sich bei verschiedenen Gelegenheiten kritisch über mich geäußert hat, trifft zu. Bei anderen Gelegenheiten aber hat er sich sehr freundlich geäußert. Zum ersten Mal habe ich ihn 1959 in Hamburg getroffen. Ich habe ihn schon damals, Ende der fünfziger Jahre, sehr geschätzt: als glänzenden Gesprächspartner, als gründlichen Kenner der Literatur und – vor allem natürlich – als originellen Lyriker. Allerdings waren Kontakte mit ihm nicht leicht, zumal er eine sonderbare und ziemlich permanente Abneigung gegen das Telefonieren hatte. Wenn wir über Poesie sprachen, musste man aufpassen, dass man nicht Dichter lobte, die ihm missfielen. Dann verstummte er und wurde bald ärgerlich.

Über Kritiker konnten wir uns nur selten einigen. Aber so ist es beinahe immer: Wenn ein Autor sagt, was er von einem Kritiker hält, sollte man stets nachprüfen, wie dieser Kritiker das letzte Buch dieses Autors beurteilt hat. In den siebziger Jahren erhielt Rühmkorf in München den Erich-Kästner-Preis. Ich wurde gebeten, die Laudatio zu halten. Rühmkorf war mit meiner Rede – ich habe ihn, da es eine Lobrede war, naturgemäß nur gelobt und mit Nachdruck – sehr zufrieden. Man kann sie in meinem Buch „Lauter Lobreden“ nachlesen. Damals waren unsere Beziehungen eine Weile höchst erfreulich.

Betriebsstörung

Sie wurden irgendwann durch einen für Rühmkorf sehr typischen Vorgang gestört. Nachdem lange von ihm nichts zu hören war, schickte er mir eines Tages ein neues Gedicht – für die F.A.Z., deren Literaturchef ich inzwischen war. Dies Gedicht kam mit einem Brief, in dem Rühmkorf verlangte, dass ich ihm sofort, noch am selben Tag, antworte, ob ich das Gedicht für die Zeitung nehmen werde, zumal andere Redaktionen auf neue Manuskripte von ihm ungeduldig, ja gierig warten.

Ich las den Text aufmerksam. Er gefiel mir nicht sonderlich. Bei mir arbeiteten damals drei Redakteure. Der eine ist heute bei der „Zeit“, der andere beim „Spiegel“, der dritte bei der „Welt“. Ich schickte ihnen das Rühmkorf-Manuskript zur Begutachtung. Alle drei gaben mir das Manuskript mit beinahe wörtlich demselben Urteil: „Gedicht nicht stark, lieber darauf verzichten.“

Ein empfindlicher Dichter

Rühmkorf bekam also das Gedicht zurück. Ich lobte es und schrieb dem Autor, dass wir auf diesen Text nun doch verzichten wollen, was ihm nichts ausmachen werde, da es ja viele andere Redaktionen gibt, die einem neuen Rühmkorf-Text geradezu sehnsüchtig erwarten. Unser Poet war empört. Jedenfalls hatte er meine Ironie verstanden. Jetzt war ziemlich lange Funkstille zwischen uns.

Rühmkorf war ein sehr empfindlicher Lyriker. Es gibt auch weniger empfindliche Poeten, mit denen die Zusammenarbeit erheblich leichter ist. Aber ihre Gedichte sind denn auch viel schwächer als die von Peter Rühmkorf, dem Dichter, dem nichts Poetisches fremd war.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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