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Fragen Sie Reich-Ranicki Ich habe alles getan, was in meiner Macht war

09.09.2008 ·  Welches sind die besten Dramen von Shakespeare? Warum wird Wolfgang Koeppen heute so selten gelesen? Und bräuchten wir nicht überhaupt eine „Bibliothek der vergessenen Schriftsteller“? Marcel Reich-Ranicki antwortet.

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Wäre es nicht Zeit für eine „Bibliothek vergessener Schriftsteller“? Nötigenfalls mit Foto und Namen eines Mäzens auf dem Waschzettel, falls kein Verlag sich traut? Olaf Trunschke

Reich-Ranicki: Meine Antwort lautet knapp: Nein. Lesern, die auf der Suche nach Lektüre sind, empfehle ich Romane von Stendhal, Balzac, Flaubert, Tolstoi, Dostojewskij, Turgenjew, Gogol und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts, die keinesfalls vergessen sind. Ich empfehle also weltberühmte Bücher, denn kein Schriftsteller ist zufällig weltberühmt geworden. Oder wollen Sie vielleicht lieber ältere deutsche Romane lesen? Kennen Sie den großen Roman „Vor dem Sturm“ und den kleinen Roman „Schach von Wuthenow“? Diese beiden Bücher gehören zu den schönsten, die Fontane geschrieben hat.

Es ist bekannt, dass Sie eine Vorliebe für die Dramen von Shakespeare haben. Welche dieser Dramen würden Sie den Lesern besonders ans Herz legen? Dr. Thomas Schmitz, Bonn

Die Tragödie des Intellektuellen („Hamlet“). Die schönste Liebestragödie der Weltliteratur („Romeo und Julia“). Das interessanteste politische Drama („Julius Cäsar“). Das Lustspiel „Was ihr wollt“, das ich mehr liebe als den „Sommernachtstraum“. Und warum? Wer sich die Mühe machen wird, diese Stücke zu lesen, dem wird an der Beantwortung dieser Frage wohl kaum gelegen sein.

Welche Operndichtung Richard Wagners hat Sie am stärksten beeindruckt? Ich meine den Text, nicht die Musik. Und 2.: Wer war der größte Dirigent des 20. Jahrhunderts? Siegfried Köhler, Regensburg

1. „Die Meistersinger von Nürnberg“. 2. Furtwängler.

Warum ist das Werk Wolfgang Koeppens in Deutschland so vergessen? Karoline Doernemann, München

Ich habe viele Jahre lang alles getan, was in meiner Macht war, um neue Leser für Koeppen zu finden. Ich will nicht sagen, ich hätte nichts erreicht, aber leider sehr wenig. Vor allem habe ich immer wieder auf „Tauben im Gras“ hingewiesen. Dieser Roman sei doch, habe ich später gehört, zu schwierig.

Wie beurteilen Sie das Buch „Die gerettete Zunge“ von Elias Canetti? Johanna Schulz, Süßen

Ich will nicht verheimlichen, dass ich kein Enthusiast Elias Canettis bin. „Die gerettete Zunge“ habe ich 1977 gelesen. Meine Kritik dieses Buches, gedruckt in der F.A.Z., endet mit den Sätzen: „Das Buch zeigt, wie Canetti seine Jugend sieht. Zugleich lässt er erkennen, wie er von anderen gesehen werden möchte. Es ist wichtig für alle, für die Canetti wichtig ist.“ Ich glaube nicht, dass mein Urteil heute anders ausfallen würde.

Ist ein Roman im Kopf eines Autors bereits fertig, bevor er zu schreiben beginnt, oder entsteht das Werk erst allmählich Satz für Satz, indem der Autor sich während der Abfassung des Textes von seiner Spontaneität, Intuition und Phantasie tragen oder gar treiben lässt? Manfred Bourgeois, Aachen

Sie sprechen von zwei verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung eines literarischen Werks. Aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten, das „Entweder - Oder“ ist bestimmt nicht richtig.

Tolstoi hatte keineswegs die Absicht, die Geschichte seiner Anna Karenina mit ihrem Selbstmord abzuschließen. Erst während der Arbeit an diesem Roman sah er, dass er ihn mit einer Verzweiflungstat, mit ihrem Tod beenden musste. Warum „musste“? Anna habe ihn, bemerkte er gelegentlich, dazu gezwungen. Man könnte sagen, ihr Tod auf den Gleisen der Eisenbahn war nicht seine, vielmehr ihre Entscheidung.

Auch das Verhältnis anderer Autoren zu ihren Figuren hat sich oft während der Arbeit am jeweiligen Werk deutlich geändert. Ein berühmtes Beispiel aus der deutschen Literatur: Goethe und seine schöne Intrigantin und Giftmischerin Adelheid von Walldorf im „Götz von Berlichingen“. In „Dichtung und Wahrheit“ heißt es: „Ich hatte mich, indem ich Adelheid liebenswürdig zu schildern trachtete, selbst in sie verliebt . . .“

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@ faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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