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Fragen Sie Reich-Ranicki Der Traum vom Allesaussprechenkönnen

 ·  Hubert Fichtes literarischen Kosmos besiedelten Gammler, Stricher und Prostituierte. Sie hatten vom Leben nicht viel zu erwarten. Fichte, ein zarter und empfindsamer Chronist, öffnete ihnen den Mund.

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Welche Bedeutung hat Hubert Fichte? Hans-Emil Schuster, Hamburg

Das wichtigste Buch dieses Autors ist sein Roman „Die Palette“ aus dem Jahr 1968. Das Zentrum des Romans ist ein Kellerlokal, eben die „Palette“. Dort trifft sich Fichtes episches Personal: Gammler, Gauner und Ganoven, Nutten, Strichjungen und Zuhälter, Alkoholiker und Narkomanen, Desperados und Selbstmörder, Clochards und entlassene Häftlinge. Was sich in der ,Palette’ abspielt, ist nicht unbedingt appetitlich. Aber der, mit dessen Augen hier das Leben gesehen wird, ist ein zarter und weicher Mensch, empfindsam und verletzlich.

Zwischen Sachlichkeit und Innerlichkeit, zwischen betontem Understatement und schluchzender Klage, auf dem schmalen Grat zwischen herber Großstadtpoesie und barer Sentimentalität bewegt sich Hubert Fichte nicht ohne Charme und Grazie. Elegisch sieht Fichte auch seine Figuren. Und er scheut sich nicht, eine seiner Gestalten den simplen und banalen Satz aussprechen zu lassen: „Ich wollte mal die wahre, die geistige Liebe kennenlernen und lernte nur die käufliche Liebe kennen.“ Das ist alles - und es gilt für sie alle zugleich.

Das Elend sucht Ausdruck

Sie sehnen sich nach etwas Glück. Um zum Augenblick zu sagen, verweile doch, du bist so schön, wären sie bereit, jeden Pakt auf Erden zu unterzeichnen. Nur ist leider nirgendwo ein Mephisto zu sehen. So nehmen sie Preludin und Pervitin, und die Walpurgisnacht, die ihnen niemand bieten will, bereiten sie sich selber, mitten in der würdigen Hansestadt Hamburg - so gut sie es können. Freilich können sie es nicht. Denn sie sind nicht reif - weder für die Liebe noch für das Leben überhaupt. Daher ist ihre ganze Sexualität unendlich traurig und allen Anstrengungen zum Trotz auch langweilig. Daher fehlt ihren Orgien jegliche Pikanterie, ihre Spiele geraten makaber, ihre Erprobungsriten muten lächerlich an und kindisch.

Fichte zerlegt konsequent - oft allzu konsequent - den Erzählfluss, er löst die Welt in Partikel auf, er lässt sich von den Nuancen und den Details faszinieren und bisweilen auch überwältigen. So setzt er seinen Roman aus vielen einzelnen Wahrnehmungen und Momentaufnahmen zusammen, aus immer wieder eingeschobenen knappen, nie geschwätzigen Reflexionen und aus unmittelbaren Äußerungen der Figuren und Dialogfetzen, die in der Regel wie Zitate angeführt werden.

Die Skala dieser Prosa reicht, wie häufig in solchen Fällen, vom rühmlichen Manierismus bis zur ärgerlichen Manieriertheit. Und auch einer anderen Gefahr, von der eine derartige epische Komposition meist bedroht wird, kann Fichte streckenweise nicht entgehen: der Gefahr der Monotonie. Sie macht sich vor allem da bemerkbar, wo er Material sammelt, statt es zu verwerten. Doch welche Bedenken es auch sein mögen, zu denen Fichtes Sprache Anlass gibt - der fundamentale Impuls, der ihre Fragwürdigkeit mitverschuldet hat und dem sie zugleich ihre Qualität verdankt, ist unübersehbar: „In Maulbec hatte er eines Nachts geträumt von dem Allesaussprechenkönnen: ,Ich werde jetzt alles sagen. Ich muß jetzt reden, reden und jetzt dies noch und das noch . . . Wellen von Worten. Die eine ist noch nicht zurückgeflutet, da schlägt die nächste schon drauf’.“

Es ehrt Fichte, dass er in dem Bedürfnis, alles auszusprechen, vor nichts zurückgeschreckt ist.

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