Was ist Ihrer Ansicht nach an Brecht aktuell? Welche literarischen Impulse gehen von Brecht heute aus? Claudia Roth, Berlin
Reich-Ranicki: Der dreiundzwanzigjährige Brecht notierte in seinem Tagebuch, dass er anfange, ein Klassiker zu werden. Das ist eine freche Bemerkung. Doch war sie wohl ernst gemeint. In dem übermütigen Befund verbirgt sich das Programm eines Anfängers. Da ist einer entschlossen, die Welt zu erobern.
Nach Brechts Tod war es zunächst Max Frisch, der ihn einen Klassiker nannte - freilich gleich mit einer wichtigen Einschränkung. Er bescheinigte dem Stückeschreiber Brecht „die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers“ - was wohl heißen sollte: enormer Erfolg, jedoch keine reale Wirkung. Das mag zutreffen, nur sollte man noch klären, welchem Dramatiker der Weltliteratur sich beweisbare Wirkung nachrühmen ließe.
Hat Strindberg etwa das Eheleben der Bürger gebessert? Hat Gogols „Revisor“ die Bestechlichkeit im zaristischen Russland gemindert? Haben die Tragödien und Historien Shakespeares auch nur einen einzigen Mord verhindert? Fragen wir ganz ungeniert, Brechts Lieblingsverbum verwendend: Hat Shakespeare die Welt verändert? Aber ja, er hat sie sehr wohl verändert, aber nur, indem er, ähnlich wie Mozart oder Schubert, zur vorhandenen Welt sein Werk hinzugefügt hat.
In unzähligen Ländern haben Millionen von Zuschauern Brechts Stücke gesehen. Dass aber dadurch „seine politische Denkweise geändert oder auch nur einer Prüfung“ unterzogen worden wäre, wagt Frisch - es war 1964 - zu bezweifeln. In den Proben hatte er, Frisch, den Eindruck, auch der Nachweis, dass Theater nichts zur Veränderung der Welt beitragen könne, hätte Brechts Bedürfnis nach Theater nicht beeinträchtigt.
Wenn etwas Brechts Leben auszufüllen vermochte, dann war es nicht die Ideologie oder die Politik, vielmehr war es jenes Steckenpferd, das rasch zu seiner Passion wurde: Er hat die Literatur und die Philosophie und alle Künste, er hat das ganze Leben stets aus der Perspektive des Bühnenautors gesehen.
Ungleich skeptischer, ungleich klüger als viele seiner Schüler und Nachfolger, war er sich sehr wohl darüber im Klaren, dass die Politik das Theater verderben könne, doch niemals das Theater die Politik zu verbessern imstande sei. Nicht der Kampf war Sache Bertolt Brechts, sondern das Spiel.
Kunst und Bildung des Menschen bei Platon
Ralf Vormbaum (Vormbaum)
- 29.09.2010, 14:45 Uhr