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Fragen Sie Reich-Ranicki Handfeste Sauereien in großer Menge

27.04.2009 ·  Ist Marcel Reich-Ranicki prüde? Das nicht, aber über Henry Millers Bücher wird er nie schreiben. Warum, das erzählt der Literaturkritiker hier. Außerdem: Sollte Kästners „Fabian“ Pflichtlektüre sein?

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Sie sind doch mit Sicherheit nicht prüde? Trotzdem erfährt man in Ihrer Rubrik nie etwas über so lockere Burschen wie Henry Miller. Was halten Sie von ihm? Ist das, was er schrieb, Literatur? Jochen Stumpf, Landau

Reich-Ranicki: Recht haben Sie: Erstens, ich bin nicht prüde, zweitens: Ich habe nie etwas über Henry Miller publiziert. Und ich werde nie etwas über seine Bücher schreiben.

Miller, ein amerikanischer Erzähler deutscher Herkunft, lebte von 1891 bis 1980. Die älteren Buchleser erinnern sich an seine Bücher, die in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts viel gelesen wurden, heute ist er beinahe vergessen. Der Grund seiner außerordentlichen Popularität hat mit dem in den meisten seiner Romane behandelten Thema zu tun. Er bietet wie kaum ein anderer Autor jener Zeit eine freizügige, ausführliche, detaillierte Darstellung der Sexualität.

Viele Leser waren glücklich, diese anregende Prosa lesen zu können. Der Ruf, es sei Pornographie, schadete diesen Werken überhaupt nicht. Kurz: Ich habe den „Wendekreis des Krebses“ gelesen und auch noch den „Wendekreis des Steinbocks“. Das reichte mir. Ich fand in diesen und noch anderen Romanen Millers wenig mehr als handfeste Sauereien in großer Menge. Manche Kapitel, Reisebeschreibungen zumal, waren gut geschrieben, andere schienen mir ziemlich geschwätzig.

Immerhin fiel mir auf, dass die Sexualität von Miller nie verklärt wurde, nie dämonisiert. Doch seine Sicht, mythisch und mystisch und auch romantisierend, blieb mir ganz fremd. Interessanter als diese Prosa schien mir er selbst.

Wir trafen uns einige Male im Rowohlt-Verlag, wo er während seiner Aufenthalte in Hamburg gern Pingpong spielte. Er unterhielt sich mit mir vorwiegend über Literatur. Was er über einige berühmte Schriftsteller (Hamsun, Proust, wohl auch Conrad) sagte, war zwar etwas wirr, aber doch originell. Ich werde nie wieder Miller lesen.

Trifft es zu, dass man bei Erich Kästner meistens an „Emil“ denkt und an das „Doppelte Lottchen“, dabei ist sein „Fabian“ ein hochaktuelles Buch? Sollte nicht „Fabian“ Pflichtlektüre sein? Dr. Beate Homann, Hamburg

An welche Titel eines bestimmten Schriftstellers ein Leser zunächst denkt, ist ganz individuell und hat oft mit der Biographie des Lesers zu tun. Ob der „Fabian“ Pflichtlektüre (wahrscheinlich einer Schulklasse) sein sollte, kann man nicht entscheiden, ohne zu wissen, was auf der Liste der Pflichtlektüre dieser Klasse sich jetzt befindet. Sind auf dieser Liste Fontane, Thomas Mann, Franz Kafka, Joseph Roth, Alfred Döblin, Bertolt Brecht?

Geht die literarische Moderne nach 1945 weiter? Oder endet sie in Deutschland 1933? Die Frage ist komplex und wahrscheinlich nicht so einfach zu beantworten. Ich bitte um eine Antwort innerhalb der nächsten sechs Monate. Dr. Karl-Heinz Lenk, Verden

Sechs Monate? Da genügen mir sechs Minuten. Jawohl, die literarische Moderne geht natürlich weiter. Das beweist das nach 1945 entstandene Werk beispielsweise von Bertolt Brecht, Paul Celan, Ernst Jandl . . .

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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