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Fragen Sie Reich-Ranicki : Gibt es eine Rolf-Dieter-Brinkmann-Renaissance?

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Der 1975 verstorbene Rolf Dieter Brinkmann scheint derzeit eine kleine Renaissane zu erleben. Was ist von diesem Autor zu halten? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

          Man liest letztens allerlei über Rolf Dieter Brinkmann, der doch wohl schon vergessen war. Gibt es da etwa eine kleine Brinkmann-Renaissance? Was halten Sie von diesem Autor? Heinz Wolfgang Krause, Düsseldorf

          Reich-Ranicki: Es ist schon lange her, es war im Herbst 1968 und zwar in der Berliner Akademie der Künste. „Autoren diskutieren mit ihren Kritikern“ lautete das Motto einer damals erfolgreichen Veranstaltungsreihe. Wir saßen auf dem Podium, Brinkmann und ich, aber er wollte nicht diskutieren, er wünschte einen Skandal. Den gab es sofort: Kaum daß wir begonnen hatten, brüllte mich Brinkmann an - er sollte überhaupt nicht mit mir reden, sondern hier ein Maschinengewehr haben und mich über den Haufen schießen.

          Brinkmann war der erste, doch keineswegs der letzte deutsche Schriftsteller, der lauthals meinen Tod wünschte - ihm folgten Peter Handke, Christa Reinig und Martin Walser, die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er war damals achtundzwanzig Jahre alt und Verfasser von drei kleinen Prosabänden sowie von zwei Gedichtsammlungen. Seine barbarische Drohung ging durch alle Zeitungen. Man war empört und entsetzt. Der wohl eher geplante als spontane Ausbruch war gemein und gefährlich, doch zugleich auch symptomatisch.

          Nicht Selbstbewußtsein oder Übermut ließ er erkennen, sondern Hilflosigkeit und Ohnmacht. Die brutale Aggressivität zeugte ebenso von panischer Angst wie von Geltungssucht. Brinkmann war ein verwirrter Rebell, der sich in die Rolle eines provozierenden Berserkers geflüchtet hat. Er war ratlos und wußte nicht recht, wie er auf seine Umwelt reagieren sollte. So versuchte er es als wild um sich schlagender Anarchist. Seine Verlagslektorin wollte mich beruhigen. „Nehmen Sie seine Worte nicht zu ernst“, sagte sie mir, „im Grunde sind Sie für ihn eine Vaterfigur, und dazu gehört nun einmal auch der Vatermord.“

          Was hatte ich dem Brinkmann angetan? Wollte er, den ich unmittelbar vor der Veranstaltung zum ersten Mal gesehen hatte, sich vielleicht rächen, etwa für einen Verriß? Ach, es war ganz anders, eher umgekehrt. Er glaubte, mir Dankbarkeit zu schulden, denn ich hatte ihn entdeckt, ihn mehrfach gelobt und gerühmt - und dem war er offenbar nicht gewachsen.

          Brinkmann war ein unzurechnungsfähiger Poet. Aber er war ein Poet. Von Anfang an ging er rücksichtslos aufs Ganze. Sein erstes Buch („Die Umarmung“, 1963) beginnt mit der Schilderung eines Tods, erreicht seinen Höhepunkt mit der virtuosen Beschreibung eines Koitus und endet mit einer Geburt. Hier protestierte ein noch junger Autor mit Wut und Besessenheit gegen die biologischen Gegebenheiten des Daseins, gegen das Körperliche und das Kreatürliche. So konsequent Brinkmann seinen Abscheu artikulierte, so wenig verheimlichte er, daß er auch fasziniert war: der verzweifelten Rebellion entspricht eine widerwillig-leidenschaftliche Zustimmung. Das zwiespältige Verhältnis zur Realität wurde am deutlichsten in der kühl-sachlichen Darstellung des Sexuellen.

          Einem Sexroman verdankte auch Brinkmann seinen Platz in der Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur: „Keiner weiß mehr“ (1968). Es ist ein trotzig hingeworfener Brocken Prosa, schonungslos und eindringlich wie nur wenige Romane der sechziger Jahre. Eine Liebesbeziehung wird gezeigt, eine Ehekrise analysiert.

          Vor allem aber liefert der Roman das psychologische Porträt eines typischen Intellektuellen der jungen Generation. Die Verwirrung, an der er leidet, die Abhängigkeit, die er überwinden möchte, seine Hast und Müdigkeit, alle diese Zustände, die der Roman in Nahaufnahmen und Momentbildern fast überscharf verdeutlicht, haben ihren Ursprung im Sexuellen. Brinkmann gelang es immer wieder, die Beschreibung der physischen Vorgänge mit der Wiedergabe ihrer psychischen Voraussetzungen, Begleitumstände und Reaktionen zu ergänzen und zu synchronisieren.

          Brinkmanns artistische Sensibilität zeigte sich namentlich da, wo er den Helden des Romans „Keiner weiß mehr“ den Reizen der Außenwelt, dem Alltag einer bundesdeutschen Großstadt aussetzte. Der Alltag ist auch das zentrale Thema seiner Lyrik. Sie wurde für einen zwar oft unkontrollierten und einseitigen, doch selbständigen Beitrag zur Poesie der Gegenwart gehalten. Nach seinem dritten Gedichtband („Gras“, 1970) verstummte Brinkmann. Er war, wie viele seiner Generationsgefährten, in eine tiefe Krise geraten.

          Sein Anfang 1975 erschienener Gedichtband „Westwärts 1 & 2“ schien einen neuen Anfang anzukündigen. Doch im April 1975 wurde Rolf Dieter Brinkmann in der Innenstadt von London überfahren. Vermutlich hat er den Linksverkehr nicht beachtet. Er war sofort tot; und die deutsche Literatur um eine Hoffnung ärmer.

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          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.05.2005, Nr. 21 / Seite 36

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