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Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fragen Sie Reich-Ranicki Genie und Narr

16.07.2008 ·  Der Schriftsteller Heinrich von Kleist war ein vielfach Gescheiterter, in der Armee und im Leben, in der Liebe und der Literatur. Zudem war er ein eminent politischer Autor, der Preußen so provozierte, dass er von ihm keine Gnade erwarten konnte. Marcel Reich-Ranicki über einen Großen der deutschen Literatur.

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Schreiben Sie bitte etwas über Kleist? Dr. Wolfgang Lehnart, Berlin

Reich-Ranicki: Kleist? Heinrich von Kleist? Unser Kleist? Das preußische Genie? Ein zeitkritischer, ein politischer Schriftsteller war Kleist beinahe von Anfang an. Er sprach immer von seinem Vaterland und seinen Zeitgenossen und, natürlich, von sich selber.

Spielt der „Zerbrochene Krug“ in einem niederländischen oder eher in einem brandenburgischen Dorf? Geht es im „Michael Kohlhaas“ um Verhältnisse im sechzehnten oder im beginnenden neunzehnten Jahrhundert? Dass die „Herrmannsschlacht“ auf die aktuelle politische Situation bezogen werden müsse, hat Kleist selber mit Nachdruck gesagt. Und ich kann den Verdacht nicht loswerden, dass die Amazonen in der „Penthesilea“ preußischer Herkunft sind.

Liebe um des Sterbens willen

Ich weiß schon: Derartiges gilt für andere Poeten ebenfalls. Nicht in einem italienischen, sondern in einem deutschen Kleinstaat nimmt das Schicksal der Emilia Galotti seinen Lauf. Wo liegt das Lustschloss, in dem sich die Helden des „Torquato Tasso“ amüsieren - in der Nähe von Ferrara oder von Weimar?Dennoch: Keiner der großen deutschen Dichter war an der politischen Lenkung seiner Landsleute so brennend interessiert wie Kleist, keiner ging so weit wie der Mann, der immer und überall gescheitert war - in der Armee und im zivilen Leben, in der Liebe und in der Literatur.

Ein Außenseiter, ein Ausgestoßener, ein Paria war es, der sich und seine Gefährtin am Kleinen Wannsee erschossen hatte - nicht ein Liebender. Man hat gesagt, Kleist und Henriette gingen nicht in den Tod, weil sie sich liebten, vielmehr liebten sie sich, weil sie zusammen sterben wollten. Das ist schön ausgedrückt, nur nicht ganz richtig, weil dieses Bonmot die Beziehung der beiden auf dem Umweg über ihre Todeswilligkeit letztlich doch erotisch verbrämt.

Genie und Narr

Als die Marquise von O. und der Rosshändler Michael Kohlhaas ihre Welt und Kleists Publikum auf ungeheuerliche Weise provozierten, als Jupiter, der Allmächtige, Alkmene verhörte und ihr gestehen musste, dass ohne Liebe auch der Olymp öde ist, als Friedrich Wetter, Graf vom Strahl, unter einem Holunderbusch das schlafende Käthchen umarmte - da bildeten der Sinn und die Sprache eine Einheit, so makellos und vollkommen wie in jener Zeit nur noch bei Goethe, bei Hölderlin.

Jedoch: Wer damals beim preußischen Hof ein Drama einreichte, dessen Held, ein preußischer Prinz und General, zusammenbricht, bei zwei Frauen um Gnade bettelt, nichts anderes als leben will und noch lauthals verkündet, er frage nicht, ob dies rühmlich sei - wer allen Ernstes glauben konnte, er werde sich nun der Gunst dieses Hofes erfreuen, dem war in Preußen nicht zu helfen.

Heinrich von Kleist war ein Genie und ein Narr zugleich - und vielleicht hätte er das eine nicht ohne das andere sein können.

Ihre Fragen schicken Sie an: Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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