Ich weiß schon, Literatur ist kein Wettbewerb. Trotzdem meine Frage: Welcher Schweizer Großschriftsteller steht Ihnen näher? Frisch oder Dürrenmatt? Welchen halten Sie für den bedeutenderen? Frida König, Bonn
Reich-Ranicki: Der Dramatiker Dürrenmatt ist, glaube ich, origineller als der Dramatiker Frisch. Ich schätze vor allem Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“, wobei ich allerdings nicht verheimlichen kann, daß mir manche Szenen und Motive in diesem Bühnenwerk schon etwas verstaubt und verblaßt vorkommen. Aber man sollte nicht vergessen, daß von Frisch ein hochbeachtliches, wenn auch nicht mehr ganz aktuelles „Lehrstück ohne Lehre“ stammt, nämlich „Biedermann und die Brandstifter“.
Der Romancier Frisch steht mir mit Sicherheit näher als der Romancier Dürrenmatt. Frischs Romane „Stiller“ und „Homo Faber“ sind noch heute lesenswert, sein kleiner Roman „Montauk“ ist noch heute wunderbar. Aber man sollte nicht vergessen, daß von Dürrenmatt eine glänzende und leider nach wie vor unterschätzte Erzählung stammt, nämlich „Die Panne“.
Als Typen sind Frisch und Dürrenmatt überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Frisch ist nicht vom Geschlecht der Außenseiter, der Ruhestörer und Rebellen, der Getriebenen, der Unversöhnlichen und Zerrissenen. Mit den schockierenden Amokläufern der Literatur hat er kaum etwas gemein. Er gehört eher zu den Nachkommen der betont bürgerlichen Schriftsteller, der distanzierten und schmunzelnden Beobachter, der ironischen und meditierenden Zeugen, der urbanen Humoristen und leidenden Skeptiker, der - um Beispiele auf höchster Ebene zu geben - Keller, Fontane und Thomas Mann.
Dürrenmatt paßt in keinen Rahmen, jedenfalls nicht in einen deutschen. Da er aus einem Pfarrhaus kommt und gelegentlich biblische Motive verwendet, wollte man sein Werk unbedingt im religiösen Sinne interpretieren. Doch die (bisweilen ungeheuerliche) Provokation, die von seinen Theaterstücken und Prosawerken ausgeht, hat ihr Fundament nicht in einem wie auch immer verstandenen Christentum, nicht in jenem kräftigen Protestantismus, zu dem sich Dürrenmatt bisweilen fröhlich bekennt, sondern in seiner makabren und gleichsam universalen Negativität.
Frisch ist ein Ankläger wider Willen. Denn er sehnt sich nach der Idylle, und er liebt den Ausgleich. Er, ein profunder Kenner bürgerlicher Schwächen, schämt sich nicht bürgerlicher Tugenden. Er praktiziert Moral ohne Predigt und Zeitkritik ohne Propaganda. Er demonstriert Engagiertheit ohne Gereiztheit und Protest ohne Hysterie. Er erzählt von der Liebe, also von der Vergänglichkeit; vom Tod, also von der Angst vor dem Tod.
Dürrenmatt, der von vornherein erklärte, daß jede Utopie sich als Fata Morgana erweisen müsse, lag quer und saß zwischen allen Stühlen. Die besten Arbeiten dieses unbestechlichen Anti-Ideologen sind Bruchstücke einer großen, einer - so paradox es auch klingen mag - imponierenden Kapitulation. Er, Dürrenmatt, war nicht unser Richter, aber vielleicht unser Gewissen, das uns nie in Ruhe läßt.
Ich habe die beiden großen Schweizer oft getroffen, in Restaurants und Kaffeehäusern, in Fernsehstudios. Wir sahen uns in Hamburg und Hannover, in Zürich und Frankfurt. Unsere Gespräche waren für mich immer höchst interessant. In solchen Gesprächen spürte ich deutlich, welcher dieser beiden Autoren mir letztlich näherstand: Frisch.