23.08.2009 · Sind Rolf Hochhuths Dramen wirklich so schlecht? Warum ist Heinrich Mann noch nicht vergessen? Wer sind die besten deutschen Satiriker, und welches Kinderbuch würde Marcel Reich-Ranicki empfehlen? Der Literaturkritiker antwortet.
Rolf Hochhuth hat sich in Berlin extra ein Theater gekauft, damit man mal wieder seine Stücke spielt. Peymann weigert sich trotzdem. Sind Hochhuths Dramen wirklich so schlecht? Volker Weidermann, Berlin
Reich-Ranicki: Es handelt sich um Stücke, die, glaube ich, noch nicht gespielt wurden. Wie auch immer: Ich kann sie nicht beurteilen. Warum der Peymann Schwierigkeiten macht? Ich vermute, dass er eine Konkurrenzbühne (noch eine!) verhindern möchte.
Wer sind Ihrer Meinung nach die besten Satiriker der deutschen Literatur? Barbara Ahrens, Dettelbach
Lichtenberg, Ferdinand Raimund, Johann Nepomuk Nestroy, Christian Dietrich Grabbe, Christian Morgenstern, Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Karl Kraus, Erich Kästner, Alfred Kerr, Robert Gernhardt und noch einige andere, die ich vielleicht vergessen habe.
Sie werden oft gefragt, warum ein bestimmter Autor vergessen sei. Hier die umgekehrte Frage: Warum ist Heinrich Mann noch immer nicht vergessen – liegt es nur an dem berühmten Bruder? Hartmut Bertram, Dresden
Das ist eine berechtigte Frage, mit der ich mich in einem längeren Essay in meinem Buch „Thomas und die Seinen“ (erste Ausgabe 1987) ausführlich auseinandergesetzt habe. Es gab damals nicht wenige zustimmende und ablehnende Leserbriefe. Unter uns und streng vertraulich: Es ist nicht mein schwächster Aufsatz. Jetzt fehlt es mir an Zeit und Lust, ihn zu referieren. Sie können aber das Buch leicht finden, zumal es auch als Taschenbuch zu haben ist.
Was war Ihr liebstes Kinderbuch? Franziska Tröger (14 Jahre), Neufahrn
Als ich sieben oder acht Jahre alt war – noch lebte ich damals in Polen –, las ich in einer polnischen Übersetzung den Roman „Herz“ des Italieners Edmondo De Amicis, der von 1846 bis 1908 lebte. Das Buch, das aus dem Jahre 1886 stammt, rührte mich sehr. Erzählt wird die Geschichte von Schülern und Lehrern einer italienischen Volksschule. Es muss sehr sentimental gewesen sein, denn ich habe, wenn ich mich recht entsinne, ziemlich viele Tränen vergossen. Seitdem habe ich das Buch nie wieder gelesen und nie jemanden getroffen, der es kannte. Etwas später, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, fiel mir Erich Kästners „Emil und die Detektive“ in die Hände. Ich habe nie ein besseres Buch für Kinder gelesen. Das meinte ich damals, das meine ich heute. Lassen Sie, liebe Franziska, Homer, Shakespeare, Goethe und Peter Handke liegen und lesen Sie „Emil und die Detektive“.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur