Home
http://www.faz.net/-grg-13v6d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fragen Sie Reich-Ranicki Er war unbestechlich und niemals langweilig

 ·  Kurt Tucholskys Rezensionen waren oft erkennbar schnell geschrieben und sie begnügten sich zuweilen mit Pauschalurteilen. Dennoch waren sie immer einzigartig und niemals langweilig. Der zweite Teil des Tucholsky-Porträts von Marcel Reich-Ranicki.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Noch einmal: Wie beurteilen Sie den Literaturkritiker Kurt Tucholsky? Waltraud Fink

Den meisten seiner Rezensionen kann man anmerken, wie rasch er sie schrieb und wie selten er sich bemühte, tiefer in die Materie einzudringen, und wie oft er sich mit Pauschalurteilen und mit gewöhnlichen Klischees begnügte. Also ein eher schludriger Rezensent? Ja, aber doch ein unvergleichbarer, ein in seiner Art ganz und gar einmaliger Kritiker.

Tucholsky hat zwar immer nur den ersten Eindruck, den ein Buch bei ihm hinterlassen hatte, mitgeteilt, dies aber virtuos getan. In einem leichten, lebendigen und bis heute nicht im geringsten angestaubten Deutsch, in bisweilen betont flotter, ja schnoddriger Diktion, die ständig und ausgiebig von der Umgangssprache profitierte, vermochte er einen Roman oder einen Geschichtenband so anschaulich nachzuerzählen und dabei so geschickt Zitate zu verwenden, dass der Leser sich nicht nur von den Motiven und den Figuren ein Bild machen, sondern auch die Stimmung und das Klima erkennen und begreifen konnte. Und so unzulänglich viele Rezensionen Tucholskys auch blieben, langweilig war keine einzige.

Zudem hatte Tucholsky ein sicheres Gespür für die Qualität eines künstlerischen Textes. So bedauerlich es ist, dass er uns meist die Begründung vorenthält, so ist doch schon sein Votum höchst bemerkenswert. Er nannte Kafkas „Strafkolonie“ 1920 eine „Meisterleistung“ und rückte die Erzählung in die Nähe des „Michael Kohlhaas“. Er bezeichnete 1926 (!) den „Prozess“ als „das unheimlichste und stärkste Buch der letzten Jahre“. Über Brecht schrieb Tucholsky 1928: „Er und Gottfried Benn scheinen mir die größten lyrischen Begabungen zu sein, die heute in Deutschland leben.“ Er lobte einige Gedichte Brechts, weil sie bewirken, „was die Mahagonny-Männer mit viel Geschrei und deutschem Whisky niemals erreichen“.

Vom Erfolg ließ sich Tucholsky nicht beirren. Auch er besang den „Braven Soldaten Schwejk“, doch wusste er, dass Hasek kein „tschechischer Cervantes“ war: „Er ist um den entscheidenden Hauch zu provinziell“. Für gute Gesinnung gibt es in Tucholskys Kritik keinen Sonderrabatt. Gerade wenn er über Autoren urteilt, die ihm in politischer Hinsicht nahestehen (Erich Kästner etwa), zeigt sich seine Unbestechlichkeit. Er jubelt über Falladas „Bauern, Bonzen und Bomben“, ohne den entscheidenden Grund zu verheimlichen: „Dieses Werk habe ich in zwei Nächten gefressen, weil es uns politisch angeht . . .“ Upton Sinclairs Gesinnung hält er für „untadelig“, indes: „Er hat oft recht, aber ich schlafe dabei ein.“

Im Unterschied zu den früheren Rezensionen, deren simple Einseitigkeit oft verwundert, werden die späteren der Vielschichtigkeit eines literarischen Werks in weit höherem Maße gerecht. Ein Glanzbeispiel: die „Ulysses“-Kritik von 1927. Tucholsky ging hier bis zum Äußersten: „Wahrscheinlich ist das mehr als Literatur - auf alle Fälle ist es die allerbeste.“ Doch sei „etwas Künstliches an der Sache, etwas Konstruiertes“. Mehr noch: Tucholsky war mutig genug zu sagen, der König sei nackt, nämlich: „Ganze Partien des ,Ulysses' sind schlicht langweilig.“ Das Fazit ist schlechterdings unübertrefflich. Der Roman sei wie „Liebigs Fleischextrakt“: „Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.“

Wenn es einen Kritiker gab, dem er bewusst und unbewusst nacheiferte, dann war es nur einer: Fontane, dessen „Causerien über Theater“ er liebte und bewunderte. Was er sich auch zuschulden kommen ließ, eines vergaß er nie: dass Kritik sich vor allem an jene richtet, für die auch die Literatur bestimmt ist - an die Leser.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen