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Fragen Sie Reich-Ranicki : Er traf der Epoche ins Herz

  • Aktualisiert am

Aufführung von Peter Weiss' Oper „Inferno” in Bremen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Er war ein Autor, der die Ängste der Nachkriegsgeneration artikulierte. Sein dramatisches Werk machte ihn zu einem europäischen Schriftsteller. Marcel Reich-Ranicki über den Peter Weiss.

          Er war ein Autor, der die Ängste der Nachkriegsgeneration artikulierte. Sein dramatisches Werk machte ihn zu einem europäischen Schriftsteller und traf der Epoche ins Herz. Marcel Reich-Ranicki über Peter Weiss.

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          Wolfgang Heinrich Endres, Berlin

          Marcel Reich-Ranicki: Peter Weiss war ein berühmter deutscher Dramatiker, dessen Ruhm in unserer Zeit leider schon etwas verblasst ist. Er wurde 1916 in Nowawes bei Berlin geboren. Sein Vater war ein jüdischer Textilfabrikant österreichisch-ungarischer Herkunft. Später erhielt er die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit. 1939 kam Weiss nach Schweden. Er malte und zeichnete, er drehte experimentelle Filme, er schrieb Erzählungen in schwedischer Sprache. Das Echo war (vorerst) schwach.

          Als 1965 ein Verleger mehrere Autoren aufforderte, den für sie wichtigsten Ort zu beschreiben, da schilderten die meisten die Stadt ihrer Jugend oder irgendeinen Ort, an dem sie etwas Bemerkenswertes erlebt hatten. Peter Weiss schrieb indes über den Ort, für den er bestimmt war und dem er entkommen ist - er schrieb über Auschwitz.

          Immer wieder hatte er die Rückkehr aus Schweden nach Deutschland geplant, aber er konnte sich dazu nie entschließen. Ihm erging es wie jener griechischen Königstochter, von der Goethe sagt, dass ihr die Fremde nicht zur Heimat, wohl aber die Heimat zur Fremde geworden war. Überall, auch in dem Land seiner Sprache, blieb er ein Fremdling und ein Außenseiter.

          Um 1950 kehrte Weiss zur deutschen Sprache zurück. Seine frühen Bücher wollte freilich kein Verlag drucken. Als sie in den sechziger Jahren erschienen, erkannte die junge Generation in dem Emigranten Weiss einen Erzähler, der ihre Ängste artikulierte. Er, zu dessen Vorbildern so unterschiedliche Schriftsteller wie Kafka und Hesse gehörten, hatte in diesen Büchern (zumal im „Abschied von den Eltern“, im „Fluchtpunkt“) die Verlorenheit und die Entwurzelung der Leser jener Jahre erkennen lassen.

          Idee gegen Individuum

          Aber erst das dramatische Werk machte Weiss zu einem europäischen Schriftsteller. Unvergesslich wurde der Abend im Herbst 1963, als Weiss auf der Tagung der Gruppe 47 mit einer Trommel zwischen den Beinen den Versammelten lesend und singend das Stück über die „Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ präsentierte.

          Wenige Monate später fand die Uraufführung im Schiller-Theater in Berlin statt: Es war, wie der Kritiker Friedrich Luft damals schrieb, ein „Geniestreich“, ein „Ereignis für das Theater unserer Epoche“.

          Im Jahre 1808 werden in einer Irrenanstalt in Paris Vorgänge aus dem Jahr 1793 aufgeführt, aus der Zeit der Revolution also. Doch spielt das Stück nicht auf zwei, sondern auf drei verschiedenen Zeitebenen - die dritte, das ist unsere Gegenwart.

          Mit dem zentralen Konflikt, verkörpert in den Personen des Jean Paul Marat und des de Sade, wurde unsere Epoche beinahe mitten ins Herz getroffen. Denn dem unbeirrbaren Revolutionär Marat, der nur an die Sache und die Idee glaubt, stellte Weiss de Sade gegenüber, den Verfechter des Individualismus.

          Eine solche Wiedergabe dieses Stückes kann freilich den Eindruck erwecken, es handele sich um ein zwar gedankenreiches, doch eher dürres Werk. In Wirklichkeit verdankt dieses Drama seine Kraft der Vielfalt des Bühnentalents des Autors, der gewiss viel von Brecht gelernt hatte, jedoch souverän und temperamentvoll die unterschiedlichsten Mittel anzuwenden und zu einer komödiantischen Einheit zu verschmelzen wusste.

          Fortsetzung folgt: Fragen Sie Reich-Ranicki: Noch einmal über Peter Weiss

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