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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Fragen Sie Reich-Ranicki Er schrieb mit vielen Federn

 ·  Als Mensch war er ebenso rastlos wie genießerisch, heiter wie traurig. Diese Gegensätzlichkeit wirkt heute verstörend, ist jedoch umso prägender für sein Schaffen. Marcel Reich-Ranicki über den Dichter Klabund.

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Sind Sie an Klabund noch interessiert? Heinz Marlies, Düsseldorf

Reich-Ranicki: Ja, was taugt eigentlich Klabund heute? Wie Werfel und Tucholsky wurde auch Klabund (er hieß Alfred Henschke) 1890 in Crossen an der Oder geboren. Wie Werfel war er ein Träumer und Genießer zugleich. Wie Tucholsky wurde auch er fortwährend von Unrast getrieben. 1919 konstatierte er sachlich: „Ich hoffe. Da war ich schon verzweifelt. / Ich lebte. Da starb ich schon.“ Schon der Sechzehnjährige litt an schwerer Tuberkulose und wusste, dass er unheilbar war. So hatte er wenig Zeit und noch weniger Geduld, sein Werk reifen zu lassen.

Er lebte rasch und rauschhaft, flüchtig und flüchtend, er genoss hastig und hektisch. Auch für ihn gilt, was Tucholsky, ein Bewunderer seiner Verse, über sich selbst gesagt hat: Er umarmte Bücher, und er las Frauen. Gefesselt träumte er von vollständiger Entfesselung. Ein Gehetzter und Verlorener, ließ er seinen Weg bis zuletzt von poetischer Phantasie bestimmen und seine Phantasie von der Fülle des Daseins. Er lebte seine Dichtung, und er dichtete sein Leben.

Er konnte, scheint es, was er wollte: vom historischen Roman („Borgia“) bis zur Boulevardkomödie, vom Volkslied bis zum Pamphlet, von der Idylle bis zur Parodie, von der feierlichen Ode bis zum sarkastischen Song. Er schrieb mit vielen Federn, alle Stile waren ihm recht. Auf übermütige Heiterkeit folgt in seinen Werken düstere Trauer, Banales und Verblüffendes finden sich hart nebeneinander. Doch nicht wurzellos war seine Kunst, sie hatte eher allzu viele Wurzeln - im Alltag und in der Literatur, in der Gegenwart und in der Vergangenheit.

Reizbarkeit war seine Stärke - und Schwäche

Klabunds außergewöhnliche Reizbarkeit war seine stärkste Seite - und zugleich auch seine entscheidende Schwäche. Seine historischen Romane gleichen inzwischen erloschenen Vulkanen, wo einst Feuer brannten, findet sich meist nur noch Asche. Nirgends freilich findet das Talent Klabunds seinen Ausdruck deutlicher als in der Lyrik. Sie beweist seine Virtuosität nicht weniger als seinen Hang zum Eklektizismus.

Auch Klabunds gelegentlicher Überdruss und seine Klage über die Vergänglichkeit („Was immer du hältst in Händen / Mädchen oder Buch, / Ach, wie bald wird es sich wenden“) erweisen sich als eminent sangbar. Ironisch und witzig gibt sich Klabund - und doch schwärmt er für das runde und artige Volkslied. Am sichersten findet er seinen eigenen Ton in jenen Arbeiten, denen er wahrscheinlich die geringste Bedeutung beigemessen hat: in den meist für das Kabarett geschriebenen Couplets und Balladen, Chansons und Bänkelliedern.

Mag oft von Wedding, Plötzensee oder Köpenick die Rede sein, so hörte man doch oft die Vorstadtlyrik für den Kurfürstendamm, also präparierte Slangpoesie. Sie war für die Berliner der zwanziger Jahre charakteristisch - wie das so erfolgreiche Liedchen mit dem Refrain: „Und ich baumle mit de Beene, / mit de Beene vor mich hin.“ Solche und ähnliche Verse Klabunds - illusionslos und sentimental, schnoddrig und melodramatisch - lassen uns immer noch jenes Klima und Aroma spüren, das sie einst wiedergaben und auch selber mitschufen.

Auch Klabund wurde im „Dritten Reich“, wo er als „Asphaltliterat“ galt, verboten. Die Nationalsozialisten haben ihn also durchaus richtig eingeschätzt.

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