Hat Erich Frieds Lyrik seine Zeit überstanden? Was er an politischer Protestliteratur fabrizierte, hat ihn wohl unter Preis verkauft. Doch seine zarteren Gedanken werden bleiben. Marcel Reich-Ranicki über einen Dichter zwischen Mission und Muse.
Sind die Gedichte Erich Frieds reine Zeitgedichte und heute nicht mehr aktuell, oder haben sie Bedeutung über Frieds Lebenszeit hinaus? Sieglinde Funk, Ravensburg
Marcel Reich-Ranicki: Aus Wien, wo er 1921 geboren wurde, floh er im Frühjahr 1938 nach London. Er hat jahrzehntelang in England gelebt und ist 1988 während eines Aufenthalts in Deutschland gestorben. In London hatte er ein Haus, doch zu Hause war der unruhige Geist nicht dort. Wo also? Vielleicht war er es unterwegs, auf zahllosen Reisen quer durch die deutschsprachigen Länger, stets seinen Zorn und seine Empörung in Vers und Prosa offerierend.
Frieds Dichtung entwickelte sich auch ohne Heimat. Inmitten der englischen Welt wuchs seine Empfindlichkeit für das deutsche Wort. Das Wort nahm er beim Wort, und jede Redewendung wendete er hin und her. Daraus ergab sich eines der zentralen Elemente seiner Poesie: das Wortspiel. Er ließ nicht nur den Gedanken Sprache werden, sondern zugleich die Sprache denken. Hier ein Beispiel: „Das Wort ist fest / und das Wort ist lose / Das Wort ist mein Fest / und das Wort ist mein Los.“
Mitte der sechziger Jahre wandte er sich der militanten politischen Lyrik zu und wurde schlagartig berühmt. Unermüdlich schrieb er nun Protestgedichte und machte Protestreisen. Er wurde ein sich in Versen artikulierender „etablierter Aufpasser“. Damit hat zu tun, dass dieser hochbegabte Dichter sich vielfach unter Preis verkaufte. Nichts erschwerte den Zugang zu diesen Versen, hier war alles von vornherein geteilt, jeder wusste, was gut und was böse war. Er konnte jede Zeitungsmeldung zu einem Gedicht verarbeiten, vorausgesetzt, dass ihm diese Meldung politisch willkommen war.
Die vielen Ärgernisse, die er anrichtete, sind längst vergessen, die weitaus meisten seiner unzähligen Gedichte haben die Zeit nicht überstanden. Er hat auch 27 Dramen von Shakespeare sorgfältig übersetzt. Ob man sie in Zukunft spielen wird, ist zumindest zweifelhaft.
Bleiben werden von Erich Fried nicht die politischen und missionarischen Verse, sondern eher private, zarte und elegische Gedichte, darunter auch erotische, die sich vor allem in seinem Spätwerk finden.
Warum schreiben Sie nie über Klaus Mann? Thorsten Kramer
Marcel Reich-Ranicki: Das stimmt nicht. Ich habe über Klaus Mann bei verschiedenen Gelegenheiten geschrieben. Meinen ausführlichsten und wichtigsten Essay über ihn finden Sie in dem Buch „Thomas Mann und die Seinen“, erschienen 1987 in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart.
Sie haben immer wieder Friedrich Schlegel als eines Ihrer Vorbilder benannt. Können Sie erläutern, was ihn dazu gemacht hat, was Sie an ihm bewundern? Waltraud Wenzel, Regensburg
Marcel Reich-Ranicki: Gewiss könnte ich dies, aber ich habe dazu nicht die Zeit. In meinem Buch „Die Anwälte der Literatur“, erschienen 1994, habe ich ausführlich über Schlegel geschrieben. Ich hoffe, dass Ihnen mit diesem Aufsatz gedient sein wird.
Was halten Sie von den Gedichten Peter Rühmkorfs? Ist er zu Lebzeiten ausreichend gerühmt worden? Oder stand er im Schatten der Giganten Gernhardt oder Enzensberger? Sigbert Rademacher, Berlin
Marcel Reich-Ranicki: Ich halte von der Lyrik Rühmkorfs sehr viel, eine Rede über ihn, die ich 1979 gehalten habe, findet sich in meinem Buch „Lauter Lobreden“. Ist Rühmkorf „ausreichend gerühmt“ worden? Was soll ich mit dieser Frage machen? Sind Hölderlin oder Rilke oder Ringelnatz „ausreichend“ gerühmt und gelobt worden?
Welchen polnischen Schriftsteller schätzen Sie am meisten? Henryk Stelzel, Hofgeismar
Marcel Reich-Ranicki: Adam Mickiewicz und - im zwanzigsten Jahrhundert - Julian Tuwim.