11.12.2006 · Er war dagegen, daß man seine Bücher übersetzte - für Ausländer seien sie doch unverständlich. Inzwischen ist er nach Shakespeare der meistgespielte Dramatiker der Weltliteratur. Marcel Reich-Ranicki über Anton Tschechow.
Sie haben uns einen Beitrag über Tschechow versprochen.
Renate Schelling
Marcel Reich-Ranicki: Er war kein Besessener wie Dostojewskij, kein Prediger wie Tolstoi. Sein Leben, das 1860 begann und schon 1904 beendet war, mutet prosaisch an. Auch in seiner Jugend war er weder ein Ketzer noch ein Rebell, weder ein Stürmer noch ein Dränger. Er nahm an keiner Verschwörung teil, er floh nicht ins Ausland und wurde nicht nach Sibirien verbannt. Die einzige Frau, die er liebte - wenn man den Zeitgenossen und seinen Biographen trauen darf -, hat er kurz vor seinem Tod geheiratet. Um ein paar Rubel zu verdienen, arbeitete er als Neunzehnjähriger für eine Provinzzeitung: Er schrieb kleine Humoresken. Von da an finanzierte er das Studium der Medizin als Witzblattlieferant. Seine Schreiberei nahm er nicht ernst. Man mußte ihn erst darauf aufmerksam machen, daß er Talent hatte. Er glaubte es nicht.
Der Zweifel an der Nützlichkeit seiner literarischen Arbeit hat ihn niemals verlassen. Als typisches Kind seiner Zeit glaubte er, es seien die Naturwissenschaften, die den Fortschritt bewirken könnten. Daher blieb auch der längst anerkannte und gerühmte Schriftsteller seinem bürgerlichen Beruf treu: Er praktizierte weiterhin als Landarzt, wodurch er seine Gesundheit ruinierte. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Alles, was ich geschrieben habe, wird in wenigen Jahren vergessen sein.“ Er war auch dagegen, daß man seine Bücher übersetzte - für Ausländer seien sie doch unverständlich. Inzwischen sind sie in rund achtzig Sprachen in einer Auflage von sechzig oder siebzig Millionen erschienen. Er ist nach Shakespeare der meistgespielte Dramatiker der Weltliteratur.
Die kleinen Beamten, die hoffnungslos verliebten Mädchen, die gescheiterten Intellektuellen, die vom Leben enttäuschten Frauen, die nachdenklichen Ärzte - sie alle, die im Mittelpunkt der Theaterstücke und Novellen Tschechows stehen, sind durchschnittliche Individuen mit alltäglichen Sorgen. Ob gescheit oder töricht, sie sind alle vom Leben enttäuscht, unglücklich und resigniert. Er war oft zu diskret, um die wahren Ursachen ihrer Tragödien in hellem Licht zu zeigen - er ließ sie nur ahnen, er deutete sie behutsam an. Was wichtig ist, steht bei Tschechow zwischen den Zeilen. Von lauten Tönen und grellen Farben wollte er nichts wissen. Er bevorzugte verfließendes Halblicht. Alles, war er geschrieben hat, umspielten Schatten tiefer Schwermut. An seine Forderung, ein Schriftsteller müsse so objektiv wie ein Chemiker sein, hat er sich natürlich und glücklicherweise nicht gehalten. Sein Mitleid mit der Kreatur, auch mit dem Sünder hat er nie verheimlicht.