28.03.2009 · Was er von den südamerikanischen Schriftstellern Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa halte, wird der Kritiker von einem Leser gefragt. Und auch um die Schlichtung eines Ehestreits wird er gebeten. Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Ich lese Ihre Antworten sehr gern, aber warum gehen Sie so selten auf die Literatur in spanischer und portugiesischer Sprache ein? Stefan Carlsson, Hamburg
Reich-Ranicki: Das muss schon einen triftigen Grund haben. Vielleicht ist meine Kenntnis dieser Literaturen nicht gründlich genug?
Woran liegt es, dass gute Bücher zwar vergriffen sind, doch von manchen Verlagen nicht neu aufgelegt werden? Liegt das an den Verlagen oder an mangelnder Nachfrage? Ingrid Stenzel, Wuppertal
Reich-Ranicki: Ja, es stimmt, dass manche (gute, interessante) Titel vergriffen sind und von manchen Verlagen nicht neu gedruckt werden. Das hat in den meisten Fällen rein kommerzielle Gründe. Die Verlage müssen auf den Neudruck verzichten, weil es sich um Titel handelt, die nur langsam ihre Abnehmer finden und deren Lagerung sehr kostspielig ist.
Was halten Sie von den südamerikanischen Schriftstellern Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa? Jochen Müller
Reich-Ranicki: Ich halte von beiden Autoren sehr viel. Vargas Llosa verdanken wir einige eindrucksvolle Romane. Aber von García Márquez, einem der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, sind mir einige Romane geradezu unvergesslich, so „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“, „Hundert Jahre Einsamkeit“ und „Der Herbst des Patriarchen“.
Mein Mann liest mir gern Bücher vor, zuletzt den kleinen Roman „Der Ketzer von Soana“ von Gerhart Hauptmann. Meistens bin ich mit seiner Auswahl einverstanden, doch diesmal habe ich mit diesem Buch nicht viel anfangen können. Zwischen meinem Mann und mir ist darüber ein Streit entstanden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar für Ihre Meinung. Monika Thies, Dornbirn, Österreich
Reich-Ranicki: Ich habe den „Ketzer von Soana“ in meiner Jugend gelesen. Damals wäre ich wahrscheinlich mit Ihrem Mann einverstanden, heute hingegen wohl mit der gnädigen Frau. Aber ich gebe zu: was von diesem kleinen Roman zu halten ist, interessiert mich nicht mehr.
Sie wissen offenbar noch nicht, dass das Leben kurz ist. Doch etwas Neues ist es schon, dass unsere Rubrik auch dazu herhalten muss, einen Ehestreit zu schlichten. Ich bitte unsere Leser, die Briefschreiberin aus Österreich nicht nachzuahmen.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur