18.01.2010 · Das Gelobte Land des Sozialismus, der Bruch mit der kommunistischen Welt, das Alterswerk: Marcel Reich-Ranicki setzt seine Ausführungen über den Schriftsteller Peter Weiss fort, dessen bedeutendstes Drama unbedingt wieder gespielt werden sollte.
Was halten Sie von Peter Weiss?
Wolfgang Heinrich Endres, Berlin
(Zum ersten Teil der Antwort: Fragen Sie Reich-Ranicki: Über Peter Weiss)
Marcel Reich-Ranicki: In den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion geriet Peter Weiss nicht nur durch das Stück von der „Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“, das man sehr bald in West und Ost (übrigens in verschiedenen Fassungen) spielte, sondern auch durch seine spektakuläre politische Entscheidung: 1965 erklärte er in einem „Offenen Brief“, er könne an eine „unabhängige künstlerische Region“ nicht mehr glauben.
Nur in der sozialistischen Gesellschaftsordnung sah Peter Weiss „die Möglichkeit zur Beseitigung der bestehenden Missverhältnisse in der Welt“. Die Schriftsteller im Westen seien, meinte er damals, vom kapitalistischen System abhängig. Und in der kommunistischen Welt? Von der dort existierenden Abhängigkeit des Schriftstellers wollte Weiss lange nichts wissen. Freilich erklärte er, dass seiner Ansicht nach der Sozialismus „Selbstkritik und volle Redefreiheit“ voraussetze.
Nun hatte Weiss in einem großen Kollektiv der Gleichgesinnten Zuflucht gefunden - er fühlte sich geborgen unter den Vorzeichen einer vereinenden Idee von universalem Anspruch. Weiss, der Einsame, der Ausgestoßene, der Heimatlose, glaubte, die Küste des Gelobten Landes zu sehen. Doch die Erkenntnis, dass jenes Gelobte Land einer Fata Morgana gleicht, blieb ihm nicht erspart.
Einige Jahre lang wurde er in den östlichen Hauptstädten gespielt und gerühmt. Seine Stücke waren willkommen, so „Die Ermittlung“, ein „Oratorium in elf Gesängen“ (1965), in dem Weiss, die Akten des Auschwitz-Prozesses verwendend, die einzelnen Stationen zu zeigen versucht hatte, so der höchst umstrittene und von manchen Beobachtern als bare Propaganda abgelehnte „Viet Nam Diskurs“ (1968).
Nach der sowjetischen Intervention in der Tschechoslowakei revidierte Weiss seine politischen Anschauungen - aber nicht etwa in einem Artikel oder in Interviews, sondern mithilfe eines Bühnenwerks: In dem Stück „Trotzki im Exil“ (1970) befürwortete er zwar die kommunistische Weltrevolution, aber er distanzierte sich von den Methoden des Stalinismus. Das künstlerisch missratene und mit allzu simplen Mitteln arbeitende Drama hatte, wie nicht anders zu erwarten war, den Konflikt zwischen Weiss und der kommunistischen Welt zur Folge. Von dieser Enttäuschung hat sich Weiss nie erholt. Sein Spätwerk, zumal seine Romantrilogie „Ästhetik des Widerstands“, ist eine Art Erziehungsroman und zugleich die „Wunsch-Autobiographie“ des Schriftstellers Peter Weiss, der seinen tatsächlichen Lebenslauf ins Proletarische übertrug.
Sein Ich-Erzähler ist ein Mann des Jahrgangs 1917, der aus Deutschland emigriert, doch (anders als Weiss) am Spanischen Bürgerkrieg teilnimmt und später nach Schweden flieht. Was ist diese Trilogie? Ein Bewusstseinsprotokoll? Eine essayistische Auseinandersetzung mit unserer Epoche? Eine Chronik? Oder vielleicht eben doch ein Roman? Auf jeden Fall ist es eine fast monomane Selbstanalyse, geschrieben von einem, der nicht zögert, sich selber auf die Anklagebank zu setzen. Seine „Ästhetik des Widerstands“ lebt vor allem da, wo er seine Helden mit der Kunst konfrontiert - mit dem Pergamon-Altar, mit Picasso oder Breughel, mit einer Kathedrale in Barcelona.
Wie die besten seiner Werke mutet auch die Biographie des Peter Weiss gleichnishaft an: Es ist die Geschichte des Mannes, der ein Leben lang auf der Suche nach einer Heimat war - und der sie schließlich gefunden hat. Aber seine Heimat war nicht ein Land und nicht etwa eine Ideologie. Vielmehr war es die Kultur, die ihm schließlich Schutz bot.
Viele seiner Werke sind inzwischen in Vergessenheit geraten. Doch sein Stück von der „Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ gehört nach wie vor zu den wichtigsten Bühnenwerken in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Man sollte dieses Drama unbedingt wieder aufführen.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur