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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein zu kurz gekommener Bühnenautor

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Lion Feuchtwanger, 1940, auf einem Schiff nach New York Bild: AP

Er war ein Fanatiker der Deutlichkeit. Und er glaubte, nur dann hinreichend deutlich zu sein, wenn er schon überdeutlich wurde. Seine Schreibweise war dadurch eindringlich und zugleich aufdringlich. Marcel Reich-Ranicki porträtiert Lion Feuchtwanger und seine Romane.

          Lassen Sie uns etwas über Lion Feuchtwanger wissen? Siegfried Arnold, München

          Marcel Reich-Ranicki: Ich habe viel von Lion Feuchtwanger gelesen, in meiner Jugend ebenso wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde 1884 in München geboren und lebte im Exil, in den Vereinigten Staaten, er starb 1958 in Los Angeles. Um es gleich zu sagen: Es scheint mir sinnvoller, den Romancier Feuchtwanger zu charakterisieren, als auf seine vielen, meist einzelnen Bücher einzugehen.

          Er liebte klare Linien und grelle Farben, starke Töne und große Bögen, er hatte eine Schwäche für Pomp, Reichtum und Luxus, für prächtige Dekorationen und prunkvolle Kostüme, für theatralische Situationen und szenische Arrangements. Aus allen seinen Romanen schrieb ein zu kurz gekommener Bühnenautor.

          Das Intensive war sein Element. So war er ein Fanatiker der Deutlichkeit, aber er glaubte, nur dann hinreichend deutlich zu sein, wenn er schon überdeutlich wurde. Diese Schreibweise war eben eindringlich und zugleich aufdringlich.

          Seine Charakterstudien haben viele Leser interessiert. Wie die meisten Romanciers dieser erfolgreichen Generation - von Franz Werfel bis zu Jakob Wassermann und Stefan Zweig - war auch Feuchtwanger sein Leben lang von der Psychologie beeindruckt, genauer: fasziniert.

          Ob Künstler oder Geistliche, Politiker oder Geschäftsleute, Fürsten oder Journalisten, Verbrecher oder edle Idealisten - sie bewunderten immer das gleiche Temperament. Leidenschaftliche Naturen sind sie immer und waghalsige Provokateure. Was sie auch tun mögen - sie erweisen sich als ehrgeizige Intellektuelle zwischen den Fronten.

          Es wäre jedoch nicht ganz richtig, den Romancier Feuchtwanger für einen Historiker zu halten, der die Psychologie zu Hilfe nahm. Er war eher ein passionierter Psychologe, der sich seine Gegenstände aus der Historie holte: In der Weltgeschichte fand er die märchenhaften Karrieren, von denen er so gern erzählte.

          Während Feuchtwanger in den zwanziger und den frühen dreißiger Jahren mit Stoffen der deutschen und der österreichischen Geschichte beschäftigt war, fällt es auf, dass seine Vorliebe jetzt vor allem der internationalen Leserschaft galt: der spanischen Inquisition, der Französischen Revolution, dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

          So zählten zu den vielen derartigen Büchern vor allem historische Romane wie „Waffen für Amerika“ (mit Beaumarchais, Benjamin Franklin und Voltaire), „Narrenweisheit“ (über Rousseau) und verschiedene biblische Romane.

          Zu den zeitkritischen deutschen Romanen zählten die Leser die „Wartesaal“-Trilogie mit „Erfolg“, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“. Einen Welterfolg erzielte Feuchtwanger mit einem Bauern, der sich als genialer Maler erwies. Zur Verwirklichung des großen Traums gehört oft auch Sexuelles. Der Plebejer Goya darf mit der Herzogin von Alba schlafen und die schöne Jüdin Raquel mit dem König von Kastilien, Alfonso VIII.

          Was immer Feuchtwanger in seinen zahlreichen Romanen geschrieben hat, er wollte die Gegenwart darstellen. Er suchte in der Geschichte nicht die Asche, er suchte das Feuer.

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