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Fragen Sie Reich-Ranicki Ein Weltmeister im Selbstlob

20.07.2011 ·  Er ist das Genie der raffinierten Einfachheit, ein Getriebener, der nichts als die Wahrheit erzählen wollte und zugleich Opfer des eigenen Mythos war. Was sich heute über Hemingway sagen läßt, weiß Marcel Reich-Ranicki.

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Hemingways Todestag liegt nun fünfzig Jahre zurück, was können Sie uns über ihn erzählen?

Marcel Reich-Ranicki: Ähnlich wie der Selbstmord Heinrich von Kleists, von dem freilich den amerikanischen Autor eine ganze Welt trennt, begriff man auch den Tod Hemingways als Verwirklichung der Einheit von Leben und Literatur: Mit dem Schuss, der seinen Kopf zerschmetterte, hatte er sein Werk beglaubigt - grausam und nicht ohne Pathos. Von diesem Tage an lasen sich seine Bücher anders.

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit wollte er erkennen und zeigen. Daher sollte die Prosa, um die er sich bemühte - man kann sagen: um die er kämpfte -, knapp und karg, herb und hart und spröde sein. Er habe es, konnte man meinen, auf das Unkünstlerische und das Unliterarische abgesehen. Aber was sich hier so unliterarisch gerierte, war eben doch Literatur - nur von ganz anderer, von neuer Art. Es war Kunst, wie geschaffen für jene, die, von der Kunst enttäuscht, ihr verächtlich den Rücken kehren wollten. Hemingway ist der Meister jener simplen Wiederholung, die sich als hochartistisches Mittel bewährt, er ist das Genie der raffinierten Einfachheit. So hat er "mit groben Stichen den Wertherrock der Moderne genäht".

Die Kunst des schreienden Understatements

Er liebte Rapporte, doch war er weder ein Chronist noch ein Berichterstatter, sondern weit eher ein (allerdings nüchterner) Visionär, ein Dichter. Wahrscheinlich hat er nie von Novalis und dessen Roman "Heinrich von Ofterdingen" gehört, aber die vielen rauhen Männer, die sich auf Hemingways Bühne tummeln, diese Jäger und Angler, Gangster und Soldaten, Boxer und Barmixer, die so häufig fluchen und so kräftig Gin und Whisky trinken - sie alle sehnen sich insgeheim nach einer blauen Blume. Er lieferte den Lesern, was sie dringend benötigten, wonach sie, ohne es auch nur zu ahnen, dürsteten: romantische und gleichwohl moderne Legenden. Sie alle freilich übertrifft die nahezu mythische Geschichte vom Schriftsteller Hemingway, der, um das Leben erfahren und beschreiben zu können, stets dessen Randbezirke und Grenzen suchte. Er war der triumphierende Held dieses Mythos - und zugleich dessen Opfer.

Er wusste die Kunst des schreienden Understatements zu üben und beherrschte - wie kein Erzähler vor ihm und kaum einer nach ihm - die Technik des Aussparens, das aufschreckt, des Verschweigens, das alarmiert: Indem Hemingway den Winkel eines Hauses in helles Licht tauchte, ließ er ahnen und spüren, was im Dunkeln geblieben war. Diese Methode hat er mit einem großartigen und vielzitierten Bild veranschaulicht - mit jenem vom Eisberg, bei dem auf jeden sichtbaren Teil sieben Achtel kommen, die man nicht sehen kann, weil sie sich stets unter Wasser befinden.

Ein Angeber, wie er im Buche steht

Nein, nicht an der Welt, der ungerechten und schnöden, hat Hemingway gelitten, sondern an sich selber. Denn er gehörte zum Geschlecht der Getriebenen. Sein Dasein stand von frühester Jugend an im Zeichen übermächtiger Obsessionen: Er war besessen von brennendem Ehrgeiz, er wurde gepeinigt von panischer Angst - und beides bedingte und steigerte sich gegenseitig. Was immer er vollbracht hatte, er musste es selber ausgiebig preisen, unentwegt rühmte er sich seiner Taten. Ein Leben lang bestanden Hemingways Briefe zum großen Teil aus baren Erfolgsmeldungen. Er brüstete sich mit seinem Mut und seiner Männlichkeit, er verwies stolz auf die von ihm erlegten Tiere und geangelten Fische, auf die Zahl ebenso seiner Kriegsverwundungen wie der Worte, die er an einem Tag geschrieben hatte. Er war Weltmeister im Selbstlob, er war ein Angeber und Aufschneider, wie er im Buche steht.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: F.A.S.
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