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Fragen Sie Reich-Ranicki Ein Seher und Prophet

 ·  Kulturstaatsminister Neumann hat sich in die Schlange derer eingereiht, die an dieser Stelle Fragen zur Weltliteratur stellen: Was vom Werk des verehrten Dichters Rilke zu halten sei. Marcel Reich-Ranicki sieht darin einen Triumph über das Unsagbare.

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Rainer Maria Rilke gehört für mich zu den eindrucksvollsten Lyrikern deutscher Sprache. Wie beurteilen Sie sein Werk jetzt?
Bernd Neumann, Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland

Marcel Reich-Ranicki: Er war das Idol und der Abgott ganzer Generationen deutscher, mehr noch, europäischer Leser. Er galt ihnen als die Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name - Rainer Maria Rilke - wurde zum Inbegriff des Poetischen. Doch anders als die großen Dichter des vergangenen Jahrhunderts wurde Rilke auch, wenn nicht vor allem, als ein Seher und Prophet empfunden. Als Heilsverkünder hat man sein Wort hingenommen und als Religionsersatz.

Der Gestus des Sehers mag heute kaum erträglich sein, der prophetische Anspruch eines Politikers oder Poeten wird bestenfalls für einen Anachronismus gehalten. Aber auch in unseren Tagen kann man dem Rhythmus dieser Verse nur schwerlich widerstehen, nach wie vor entrückt uns der Wohllaut, dieser hochgestimmte Ton, diese verschwenderische Bilderfülle.

Rilke wusste mit dem Reim umzugehen wie nur wenige Dichter in der Geschichte unserer Literatur. Seine Poesie ist ein Triumph über das Unsagbare. So gelang es Rilke, der deutschen Lyrik Bereiche zu erschließen, von deren Existenz kaum jemand wusste.

An Dunklem und Raunendem ist gerade bei ihm kein Mangel. Gleichwohl finden sich in seinen Versen knappe Formulierungen, die ihre Überzeugungskraft, ihre Suggestivität einer wunderbaren Klarheit, einer erstaunlichen Einfachheit verdanken. Nicht wenige dieser Formulierungen sind bequem zitierbar - wie Schillers geflügelte Worte oder die volkstümlichen unter den Versen Heines. Wir lieben den feierlichen Gedichtanfang „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Wir zitieren oft und gern den stimmungsvollen, den elegischen Verweis: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Man zitiert jene frühe Dichtung Rilkes, die nicht zu seinen besten Arbeiten gehört, die ihn aber, in Millionen Exemplaren verbreitet, wie keine andere verbreitet, wie keine andere berühmt machte und sogar zu einem Volksschriftsteller werden ließ. Ich meine die „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Ich habe diese Eröffnung nie vergessen: „Reiten, reiten, reiten, durch den Tag und die Nacht ... Und der Tag ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.“

Rilkes betörende Wortmusik sollte uns nicht übersehen oder unterschätzen lassen, dass er auch den Zeitgeist genau zu erkennen und zu artikulieren vermochte. Von ihm stammt der nicht zu Unrecht immer wieder zitierte Vers aus dem Jahre 1908 - der Vers, der die Leiden einer ganzen Generation ausdrückt und vor dem sich Gottfried Benn dankbar verneigte: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

In „Don Carlos“ bittet Marquis Posa die Königin, seinem Freund, dem Infanten, zu sagen: „dass er für die Träume seiner Jugend / Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird“. Zu den Träumen der Jugend gehören auch literarische Werke, die uns überwältigen konnten, weil sie uns im richtigen Augenblick erreichten - und die daher unvergesslich geblieben sind.

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