10.01.2011 · Ein genialer Schriftsteller war er nicht, seine Bücher haben etwas Rasches und Flüchtiges. Aber an den Feuilletonisten Kurt Tucholsky reichte an Unterhaltsamkeit, Leichtigkeit und Treffsicherheit kaum einer heran. Ein Porträt von Marcel Reich-Ranicki.
Wie beurteilen Sie Kurt Tucholsky? Salomon Goldmann, Berlin
Das Interesse für Kurt Tucholsky lässt nicht nach. Von seinen Büchern, die längst in Millionen von Exemplaren verbreitet sind, können die Deutschen, so will es scheinen, gar nicht genug bekommen. Wer nach der Ursache dieser Popularität forscht, braucht nicht lange zu suchen. Natürlich, er war kein Genie. Aber wo gab und wo gibt es einen deutschen Feuilletonisten von nur vergleichbarer Unterhaltsamkeit und Leichtigkeit?
Tucholsky, geboren 1890 in Berlin, schrieb von Jugend an ein lebendiges Deutsch von ungewöhnlicher Treffsicherheit. In der Nachfolge der Naturalisten belauschte er die Ausdrucksweise fast aller Volksschichten - zumal die Kleinbürger und die Lumpenproletarier, die Offiziere und die Beamten, die Muttchen und die Nuttchen.
Er wurde Jurist, doch sein Temperament trieb ihn früh zur Presse. Tucholsky konnte sehr bald schlechthin alles: satirische, lyrische, essayistische und epische Elemente. Er war nie imstande, seine beängstigende Vielseitigkeit zu bändigen. Auf fast allen Gebieten haben seine Texte etwas Rasches und Flüchtiges. Im Grunde war er wohl ein Dilettant. So äußerte er sich über den Marxismus (abfällig!) - doch ohne sich ernsthaft mit den Büchern von Marx und Engels zu beschäftigen.
Eine furchtbare Reizbarkeit
Auf die psychische Konstitution Tucholskys ist auch die erstaunliche Zahl seiner meist kleinen Arbeiten zurückzuführen. Von innerer Unrast getrieben, kannte er weder Geduld noch Ausdauer. Sein unterhaltsames „Schloss Gripsholm“ und sein „Pyrenäenbuch“ bleiben enttäuschend. Eine sehr kurze Erzählung gehört zu seinen Meisterwerken: Die ebenso witzige wie intelligente Geschichte „Rheinsberg“, die „später generationsweise vom Blatt geliebt“ wurde.
Tucholsky vermochte die Alltagssprache zahlreicher Volksschichten und verschiedener Dialekte und Jargons einzufangen und wiederzugeben. Er schuf Niederschriften von Tonbandaufnahmen - obwohl es noch keine Tonbandgeräte gab. Die Berliner sind ihm besonders zu Dank verpflichtet.
Die stilistischen Fähigkeiten Tucholskys wiesen ihn als Kleinkunsttalent des größten Formats aus. Sie nähren sich vornehmlich aus einer Quelle, der auch sein Witz entspringt: einer furchtbaren Reizbarkeit, mit der er so begnadet wie geschlagen war. Diese Reizbarkeit, die er mit masochistischer Lust bis zu den äußersten Grenzen steigerte, ähnelte wohl einer Zwangsneurose. Gezwungen, unaufhörlich die Feinheiten der Sprechweise und somit das Lächerliche und Komische seiner Mitmenschen wahrzunehmen, muss er sicherlich gelitten haben wie ein Komponist, der sich nicht der auf ihn einstürmenden Motive erwehren konnte.
Ein Schriftsteller in der Krise war Tucholsky immer schon. Er war ein Humorist, also ein Melancholiker, ein Satiriker, also ein verbitterter Einzelgänger. Er war Deutschlands düsterster und zugleich lustigster, ja albernster Prophet.
Jeder Deutsche von Rang hat unter den Deutschen gelitten. Das trifft auch auf Tucholsky zu. Aber sein Leiden an Deutschland war ein Leiden an sich selbst.
(In Sachen Tucholsky folgt bald der zweite Teil.)