Finden Sie es gut, dass nach dem Tode von Schriftstellern ihre Briefwechsel veröffentlicht werden? Stefan Wolters, Mönchengladbach
Reich-Ranicki: Soll damit etwa behauptet werden, dass posthume Briefpublikationen immer üblich seien? Offenbar, nur stimmt es nicht. Von den meisten Schriftstellern werden nach ihrem Tod keine Briefe gedruckt. Es ist weder möglich noch nötig. Auch dann nicht, wenn diese Autoren ausdrücklich verfügt haben, dass die Veröffentlichung ihrer Briefe erfolgen soll. Es muss sich ja noch jemand finden, der dies zu finanzieren bereit ist.
Dass die meisten Sammlungen lediglich eine Auswahl der erhaltenen Briefe sind, versteht sich von selbst. Denn manche Briefe mögen zwar für die Wissenschaftler von Bedeutung sein, doch nicht für das Publikum. Von allgemeinem Interesse ist natürlich die Korrespondenz der ganz großen Autoren, von Goethe und Schiller, von Lessing und Hölderlin, von Thomas Mann oder Franz Kafka. Thomas Mann hat seine Briefe von einem bestimmten Zeitpunkt an mit dem Blick auf die Nachwelt geschrieben, nein, diktiert. Das wissen wir von seinen Sekretärinnen, die übrigens verblüfft waren, dass er das einmal (in der Regel ziemlich rasch) Diktierte beinahe nie zu korrigieren brauchte. Es gibt Briefe von ihm, die in Wirklichkeit nicht von ihm stammen, sondern von seiner Frau. Thomas Mann war, zumal in der Emigration, häufig überlastet, die fleißige Ehefrau half aus. Und sie imitierte seinen Stil so glänzend, dass Thomas Mann nach Jahren in manchen, sehr seltenen Fällen nicht sicher erkennen konnte, wer sie denn nun in Wirklichkeit verfasst hatte.
Von ganz anderer Art sind die Briefe Kafkas, die sich ähnlich wie die Korrespondenz Thomas Manns als Zeitdokumente des höchsten Ranges erweisen und zugleich eine Fülle persönlicher Bekenntnisse enthalten. Aber Kafkas Briefe sind nicht für die Nachwelt bestimmt, sondern für die Familie (zumal für die Schwester Ottla), für Freunde (etwa Max Brod) und Freundinnen (für Felice, für Milena und andere). Für Kafka gilt ebenso wie für Thomas Mann: Ihre Briefe gehören zu dem kaum zu überschätzenden Teil ihres literarischen Werks.
Ein hervorragender, wenn auch ganz anderer Briefschreiber war Theodor Fontane. Seine zahllosen Briefe, bis jetzt bei weitem nicht alle gedruckt, sind originell und amüsant. Es sind in den meisten Fällen schriftliche Plaudereien, bisweilen zehn oder noch mehr Stück, an einem einzigen Tag leicht und flott geschrieben. Sie enthalten immer wieder muntere Mitteilungen und oft aufschlussreiche, unterhaltsame und belehrende Berichte. Kurz und gut: Würde irgendjemand auf die wahnsinnige Idee kommen, die posthume Veröffentlichung von Schriftstellerbriefen generell zu verhindern - aber ich glaube nicht, dass auch nur ein einziger Leser unserer Zeitung dies ernsthaft wünscht -, wäre dies (eine unvorstellbare) Barbarei. Man müsste noch über andere Autoren als Briefschreiber sprechen, das soll denn bald geschehen - beispielsweise über den stets bei uns unterschätzten Alfred Döblin.
Wird der Literaturkritiker im Alter eher milde oder eher zornig? Axel Müller, Hamburg
Reich-Ranicki: Das ist eine klare und einfache Frage. Dennoch fällt es mir schwer, sie zu beantworten. Denn eine Regel gibt es hier, glücklicherweise, nicht. So ist es denn eine ganz und gar individuelle Angelegenheit. Freilich trifft es zu, dass Frauen ebenso wie Männer oft im Alter ungeduldiger und nachlässiger werden. Das merkt man leider, wenn es um Schriftsteller oder Journalisten geht, nicht selten auch an ihrem Stil. Es hat schon seinen Grund, dass Redakteure ungern an den Manuskripten der Siebzig- und Achtzigjährigen arbeiten. Letztlich kann sich jeder, auch der Kritiker, im Alter so verhalten, wie es ihm passt. Das mag eine enttäuschende Antwort sein, ich weiß es. Aber bisweilen sollte man den Mut zu eben solchen Antworten haben.