22.04.2009 · Sollte man, wenn man sich mit Golo Mann beschäftigt, auch das Thema Homosexualität behandeln? Was geht uns Manns Schlafzimmer an? Marcel Reich-Ranicki beantwortet die Frage und würdigt Golo Manns Werk.
Ich verehre Thomas Mann und habe auch ein gewisses Interesse für seine Familie. Aber muss man sich, wie Tilmann Lahme es in seiner neuen Golo-Mann-Biographie tut, mit dem reaktionären Golo beschäftigen? Lohnt sich das? Und sollte man wirklich, wenn man eine Golo-Mann-Biographie schreibt, auch das Thema Homosexualität behandeln? Reicht es nicht, sich mit dem Werk zu beschäftigen? Was geht uns sein Schlafzimmer an? Sebastian Römer, Köln
Reich-Ranicki: Ich habe Golo Mann in Hamburg um 1970 kennengelernt. Er kam damals nicht häufig nach Hamburg und hielt sich jeweils nur ganz kurz auf. Zu einem ernsten Gespräch kam es also nicht. Er interessierte mich damals im Grunde als Sohn Thomas Manns. Das sollte sich bald ändern.
Ende 1973 kam ich nach Frankfurt und übernahm die Leitung des Literaturteils der F.A.Z. Meine wichtigste Aufgabe bestand in der F.A.Z. darin, den Literaturteil gründlich zu reformieren und ihn so zu redigieren, dass er nicht bloß von Kollegen und Fachleuten gelesen würde, sondern möglichst von allen, die sich für Literatur interessieren.
Das war nicht einfach zu machen, es war vielmehr sehr schwierig. Denn beinahe alle Mitarbeiter des Literaturteils schrieben Kritiken, die von Fremdwörtern und Fachausdrücken strotzten und ihre Bildung deutlich erkennen ließen. Doch eigneten sie sich nicht für die Leser einer Tageszeitung. Von nicht wenigen dieser Kritiker musste ich mich trennen, weil sie keine Lust hatten, leichter und verständlicher zu schreiben. Ich suchte neue Mitarbeiter vor allem unter deutschen Germanisten, die in angelsächsischen Ländern lebten und schon seit einiger Zeit für die dort erscheinenden Zeitungen arbeiteten. Und ich wandte mich gleich an Golo Mann.
Man brauchte ihn nicht daran zu erinnern, an welche Adressaten seine Beiträge gerichtet sein sollen. Aber es ging nicht so leicht. Es gibt ja seit eh und je zwei Arten von Schriftstellern, Kritikern und auch Journalisten: solche, die gut schreiben und solche, die Zeit haben. Golo Mann hatte zunächst keine Zeit. Aber ich bedrängte ihn unermüdlich und hartnäckig - nicht nur mit Briefen, sondern noch häufiger auch mit Telefonanrufen.
Es dauerte letztlich nicht lange, und ich erhielt Manuskripte, die mich entzückten. Golo Mann betonte gern, er sei kein „Literaturgelehrter“. Wer also kam in diesen Kritiken zu Worte? Ein hochgebildeter Liebhaber, ein nobler Bewunderer, ein glänzender Kenner seiner Themen. Ein Schriftsteller, dem es Spaß macht, sich über andere Schriftsteller zu äußern. Ein Essayist, der feuilletonistische Mittel nicht verpönt. Ein Kritiker und somit - wie alle wirklichen Kritiker - ein Enthusiast der Literatur.
Was immer er schrieb, er formulierte es immer in einer Sprache, die man in der deutschen Literaturbetrachtung erst seit Heines „Romantischer Schule“ kennt und die immer noch Seltenheitswert hat. Kurz und gut: Ihm gelingt es seit seiner Jugend zu schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Damit hängt wohl auch Golo Manns hervorstechender Sinn für das Wesentliche und für das Anekdotische zusammen.
Die Bücher, die ihn zunächst über die Fachkreise hinaus bekanntgemacht und ihn in kurzer Zeit als einen der originellsten Essayisten und einen der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit ausgewiesen haben, stammen aus der Zeit von 1958 bis 1971. Es sind vorwiegend Bücher aus der Feder des Historikers („Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ und „Wallenstein“). Allerdings ist das eine etwas fragwürdige Unterscheidung.
Sein nie nachlassendes Interesse für Geschichte hätten die historischen Romane geweckt, die er in seiner Jugend las. Er fand damals, dass Historie so lesbar sein könne und müsse wie ein Roman. In der Tat, für Golo Mann ist Geschichtsschreibung nichts anderes als Literatur.
Die Legitimation holt er sich von den alten Römern. Er schreibt: „Alle römischen Historiker machen Literatur mit Ausnahme Caesars . . . Alle wollen sie großartig unterhalten, auch Tacitus.“ Doch sein wahres Vorbild ist ein deutscher Historiker: Schiller, Friedrich.
Im Laufe der Jahrzehnte hat man Golo Mann oft genug attackiert und denunziert - von den Rechten als Progressiver und von den Linken als Reaktionär, von den einen als Kosmopolit und von den anderen als Nationalist. Den Platz zwischen allen Stühlen hielt er offenbar für durchaus angemessen.
Jedenfalls demonstrierte er der deutschen Öffentlichkeit, wozu sich jene, die ihn so gern kritisierten, nicht aufschwingen konnten - Unabhängigkeit und Nonkonformismus. Golo Mann hat immer wieder gewagt, was in unserer Gesellschaft riskant ist - nämlich Ansichten zu äußern, die der Mode und dem Zeitgeist zuwiderliefen.
Vieles im Leben ist ihm misslungen, er war ein Pechvogel, man hielt ihn für einen Versager. Golo Mann hat anschaulich geschildert, wie durch eine falsche, ja grausame Erziehung Minderwertigkeitsgefühle geweckt und gesteigert wurden und zu Komplexen führten, die ihm ein Leben lang zu schaffen machten. Die Frage, ob es sich lohne, über Golo Mann zu schreiben, ist wohl inzwischen beantwortet. Aber sollte man sich auch mit dessen Homosexualität beschäftigen? Die Antwort lautet: Eine Biographie dieses bedeutenden Schriftstellers und Wissenschaftlers, die dessen homosexuelle Veranlagung mit allen damit zusammenhängenden Umständen ignorieren würde, wäre wertlos, ja irreführend und schädlich.
Dass man in der Vergangenheit die meisten homosexuell veranlagten Schriftsteller oder Komponisten auf eine derartige, verlogene und heuchlerische Weise behandelt hat, war und ist empörend. Doch spricht das natürlich nicht gegen die Betroffenen, es spricht gegen die Gesellschaft, in der sie lebten. Tilmann Lahmes vorzügliche Biographie ist im Verlag S.Fischer erschienen.