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Fragen Sie Reich-Ranicki Ein ganzer Kerl

25.09.2008 ·  Ist die Literatur nach 1945 langweilig geworden? Warum hat sich Marcel Reich-Ranicki vor Jahren schon von Heinrich Mann verabschiedet? Und wie beeinflussten die Bücherverbrennungen von 1933 sein Leben? Antworten des Literaturkritikers.

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Sie haben sich einstmals mit großer Geste und „nicht ohne Wehmut“ von Heinrich Mann und dessen Werk verabschiedet. Doch einige seiner Werke wie „Der Untertan“ und der „Henri Quatre“ sind bis heute populär. Haben Sie sich damals getäuscht? Sigurd Zimmermann, Eschwege

Reich-Ranicki: Nein, ich glaube nicht, dass ich mich damals - es war 1987 - getäuscht habe. Aber Sie zitieren mich ungenau, also: Zwei Romane von Heinrich Mann (ich nannte damals den „Untertan“ und „Professor Unrat“) hätten mich in meiner Jugend „amüsiert und nachhaltig beeindruckt“. Das ist wohl eindeutig genug.

Ich schrieb ferner: „Diese Wut steckte an, dieser Zorn ließ nicht nach. Wer solche Bücher geschrieben hat, der muss, dachte ich, ein ganzer Kerl sein. Heute, nach einem halben Jahrhundert, ist das Feuer erloschen: Unter der Asche freilich glüht es noch hier und da. So lese ich jetzt beide Romane nur als wichtige und ehrenwerte Dokumente im Archiv der deutschen Literaturgeschichte unseres Jahrhunderts.“

Wichtige und ehrenwerte - haben Sie das übersehen? „Es wird wohl Zeit, sich von Heinrich Mann zu verabschieden - mit Respekt, versteht sich, und auch mit Dank.“

Die Behauptung, dass der „Untertan“ und der „Henri Quatre“ bis heute populär seien, trifft nicht zu. Außerdem würde dies nichts beweisen. Es gibt allerlei populäre Bücher, deren literarische Qualität fragwürdig ist - von Karl May bis Hedwig Courths-Mahler.

Literatur darf bekanntlich alles, nur langweilig darf sie nicht sein. Warum war die deutsche Literatur vor 1933 - von Arthur Schnitzler bis Thomas Mann - so spannend, und warum ist sie nach 1945 so langweilig geworden? Eckhard Berkenbusch, Berlin

Sie ist nicht langweilig geworden, nur sind manche Leser dieser Literatur noch nicht gewachsen.

Haben Sie den Tag der Bücherverbrennung in Berlin, im Mai 1933, bewusst erlebt? Hat der Tag in Ihrem Leben etwas verändert? Gerda Michel, Stuttgart

Der Tag hat nichts verändert, denn damals habe ich, wie viele andere Menschen in Deutschland, zumal in Berlin, sehr wohl gewusst, dass die Nazis Barbaren sind. Nur hat die Bücherverbrennung dies noch deutlicher erkennbar gemacht.

Es scheint, als wäre die künstlerische Überlebensfähigkeit der Kurzgeschichten von Kurt Kusenberg auf Dauer in Frage gestellt. Woran liegt das? Melanie Klofat

Das sind durchaus beachtliche Geschichten, doch nicht stark genug, um zu überdauern. Es liegt also, kurz gesagt, an ihrer Qualität. Man darf nicht vergessen: Kusenberg, den ich kannte, wenn auch nur flüchtig, war ein sehr sympathischer, kultivierter und gebildeter Mensch. Er wurde 1904 geboren und starb 1983. Aber die meisten seiner literarischen Arbeiten stammen aus einer viel früheren Zeit.

Verfolgen Sie alljährlich die Bachmann-Lesungen in Klagenfurt? Christa Rosenberger, Sulzbach

O nein, nein.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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