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Fragen Sie Reich-Ranicki : Ein elegischer und melancholischer Ton

  • Aktualisiert am

Undine Gruenters „Sommergäste in Trouville” Bild: Hanser

Sind die Bücher von Undine Gruenter wirklich so außergewöhnlich, wie von den Feuilletons behauptet? Marcel Reich-Ranicki über eine Schriftstellerin, die nicht gleich ihren Weg und Ton finden konnte.

          Sind die Bücher von Undine Gruenter wirklich so außergewöhnlich, wie von den Feuilletons behauptet? Dr. Joachim Albrecht, Weilersbach/Ofr.

          Reich-Ranicki: Die einen sind verliebt und erhoffen sich von der Literatur einigen Aufschluss über diesen unberechenbaren und letztlich unbegreiflichen Zustand. Andere waren verliebt und können es nicht vergessen. Und wieder andere sehnen sich nach der Liebe. So ist es immer schon gewesen? Ja, aber jede Generation erlebt es anders. Unsere Autoren kümmern sich um derartige Bedürfnisse des Publikums nur wenig - und das ist ihr gutes Recht. Sie schreiben meist nicht über die Liebe, sondern über deren Unmöglichkeit hier und heute.

          Über die Bücher Undine Gruenters, die 1952 in Köln geboren wurde, ab 1987 in Paris gelebt hat und 2002 gestorben ist, äußerte sich unsere Kritik wohlwollend, doch etwas ratlos - vielleicht deshalb, weil sie nicht gleich ihren Weg und Ton finden konnte. Anders ist es in ihren letzten Büchern, ihren besten - in dem Erzählungsband „Sommergäste in Trouville“ und in dem Roman „Der verschlossene Garten“, die beide postum erschienen.

          Kurzweilig

          Der Stil des Romans, der unentwegt Episches mit Reflexivem, mit scharfsinnigen Kommentaren verknüpft, weckt, anders als man vermuten könnte, keineswegs die Ungeduld des Lesers. Er trägt vielmehr in hohem Maße zur Kurzweiligkeit des Buches bei. Es ist ein Liebesroman über Intellektuelle und für Intellektuelle und geschrieben aus der Sicht eines Intellektuellen.

          In der erotischen Literatur werden die Liebenden in der Regel genötigt, ihren Platz außerhalb der Gesellschaft zu suchen. Undine Gruenters Buch folgt dem Muster des traditionellen Liebesromans, indem sie es auf den Kopf stellt: Nicht die Gesellschaft schließt hier die Liebenden aus, sie tun es selber und sehr konsequent.

          Aber ist es denn wirklich ein Liebespaar? Ein beredter Redakteur, der hier von der ersten bis zur letzten Zeile als Ich-Erzähler fungiert, verliebt sich in eine reizvolle, mädchenhaft anmutige junge Frau, die er Hals über Kopf heiratet. Er ist sechzig Jahre alt und sie fünfundzwanzig. Munter erklärt sie, Altersunterschiede zwischen Liebenden seien gleichgültig. Nein, das wissen wir besser und meinen knapp: Hier liegt der Hase im Pfeffer.

          Still und theatralisch

          Vorläufig geht alles gut. Denn am Anfang ist jede Romanze leicht. Der verliebte Redakteur richtet für seine Partnerin in einer Vorstadt von Paris, wo sie wohnen, einen ausgegrenzten Raum ein, einen wunderbaren Garten, ganz still und sehr theatralisch, einen kunstvoll entworfenen Ort des gemeinsamen (oder nur vermeintlichen?) Glücks. Jedenfalls avanciert der Garten zum heimlichen Symbol der großen Liebe. Dort kann der geistreiche Mann die viel jüngere Frau wie ein vollkommenes Kunstwerk empfinden und betrachten.

          Doch Wolken, von denen die beiden vorläufig nichts wissen wollen, verdüstern allmählich dieses künstliche Paradies. Die junge Frau wirft ihrem Mann vor, er sei wie ein Regisseur, der sie behalten wolle, weil er mit ihr ein Stück aufführe: „Aber das Ende des Stücks sei die Trennung.“ So erzählt der Roman weniger die Geschichte als vor allem die Inszenierung einer Liebe.

          Erst in dieser späten Prosa hat Undine Gruenter ihren eigenen, ihren jetzt unverkennbaren Ton gefunden, leise, elegisch und melancholisch. Weibliche Prosa? Ich weiß es nicht. Doch bin ich sicher, dass die männliche Perspektive des Ich-Erzählers, an der Undine Gruenter so gelegen war, vorzüglich durchgehalten wird. Dass die Autorin mehr Fragen aufwirft, als sie beantworten kann, spricht keineswegs gegen sie. Vielleicht ist das ein Kennzeichen aller guten Romane.

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