16.02.2009 · Ist Grimmelshausens „Simplicius Simplicissimus“ heute noch lesbar? Welche Bedeutung hat die Pause als literarische Technik? Und wie sieht es mit der Belesenheit heutiger Germanistikstudenten aus? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Ist Grimmelshausens „Simplicius Simplicissimus“ heute noch lesbar? Welche Bedeutung hat die Pause als literarische Technik? Und wie sieht es mit der Belesenheit heutiger Germanistikstudenten aus? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Haben Sie den „Simplicius Simplicissimus“ gelesen? Und mit Gewinn? Oder ist dieses Buch heute doch recht unlesbar? Martina Singer, Wiesbaden
Marcel Reich-Ranicki: Ja, stellen Sie sich vor, ich habe den „Simplicissimus“ gelesen, nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss. Und ich glaube, dass man ein Kritiker, der sich vor allem mit deutscher Literatur befasst, gar nicht sein kann, wenn man Grimmelshausen und den „Simplicissimus“ überhaupt nicht kennt. Aber heutzutage ist alles anders als vor sechzig oder siebzig Jahren. Ich habe Absolventen der Germanistik, die sich um einen Redakteursposten bewarben, gefragt, was sie denn von Kleist und von Fontane gelesen hätten. Immer nur von diesen beiden Autoren.
Zu hören bekam ich: von Kleist eine Erzählung. Und kein Drama? Nein, kein Drama. Und von Fontane? Einen Roman gelesen und einen als Film gesehen. Übrigens: Die Kandidaten haben nicht etwa Biologie oder Physik studiert, sondern Germanistik. Neulich erzählte mir ein befreundeter Professor der Germanistik, er prüfe seine Absolventen meist über „Effi Briest“. Kaum beginnen sie zu sprechen, da weiß er schon, welchen „Effi Briest“-Film sie gesehen haben. Den Roman haben sie sowieso nicht gelesen.
In einem Artikel über John Updike haben Sie neulich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ geschrieben: „Die Pause kann ein Ausdrucksmittel von höchster Wirksamkeit sein. Es ist das Prinzip des Andeutens und Aussparens, das sich bei Updike bewährt.“ Kennen Sie weitere Beispiele von literarischen Pausen, Andeutungen und Aussparungen? Barbara Arens
Marcel Reich-Ranicki: Die Pause als starkes Ausdrucksmittel kann man beobachten bei: Flaubert, Goethe, Kafka, Thomas Mann, Tolstoi, Manzoni, Fontane und bei vielen anderen Autoren. Auf jeder Seite erzählender Prosa eines guten Schriftstellers wird mit Andeutungen und Aussparungen gearbeitet. Die Art der Anwendung der Pause ist ein Qualitätsbeweis. Mehr braucht man, glaube ich, hierzu nicht zu sagen.
Jetzt gibt es wieder einen „Effi Briest“-Film. Warum diese Häufigkeit der Verfilmung gerade dieses Romans? Werden Sie sich auch diese neue Fassung ansehen? Helene Krahn, Berlin
Marcel Reich-Ranicki: Vermutlich ist keiner der großen deutschen Romane für die Verfilmung so geeignet wie eben „Effi Briest“. Ja, ich werde mir auch diesen neuen Film bestimmt ansehen.