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Fragen Sie Reich-Ranicki Dulden Sie keinen Widerspruch?

 ·  Duldet Deutschlands bekanntester Literaturkritiker keinen Widerspruch? Und wie lange möchte er noch im Fernsehen auftreten? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

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In einem Bericht der „taz“ über Ihre Berliner Diskussion mit Uwe Wittstock heißt es, daß Sie keinen Widerspruch dulden. Was sagen Sie dazu? Dr. Rolf Braun, Hamburg

Reich-Ranicki: Diesen Bericht, geschrieben von Gerrit Bartels, habe ich gern gelesen. Denn es ist ein ernster und gewiß wohlwollender Bericht. Aber natürlich gibt es manches in ihm, was mich ein wenig verwundert. So heißt es da, daß es mich als Literaturkritiker seit geraumer Zeit, ungefähr seit Beginn des Literarischen Quartetts im Jahre 1988, nur noch sporadisch gegeben habe.

Soll ich hier mit der Liste der von mir seit 1988 besprochenen Bücher antworten? Das wird mir leider nicht gelingen, weil die Sonntagszeitung sich mit Sicherheit weigern wird, den hierfür nötigen Platz zur Verfügung zu stellen. Also rasch nur die Bücher, über die ich in den letzten beiden Jahren Kritiken veröffentlicht habe. Zu nennen ist da: der Gedichtband von Günter Grass Letzte Tänze, Undine Gruenters Roman Der verschlossene Garten, Markus Werners Roman Am Hang, Eva Demskis Aufsätze, Robert Schindels Lyrik, Fontanes Roman Unwiederbringlich und schließlich der Roman Das sterbende Tier von Philip Roth. Das sind immerhin sechs ausführliche Kritiken, von denen fünf die von mir angeblich vernachlässigte Literatur der Gegenwart betreffen.

Der Berichterstatter der taz hätte gern mehr von mir gelesen. Das freut mich und schmeichelt mir. Nur frage ich mich, ob man unter diesen Umständen vom nicht mehr existierenden Literaturkritiker sprechen kann - wie es Gerrit Bartels tut? Doch will ich mich zu meiner Rechtfertigung nicht etwa auf die Tatsache berufen, daß ich 85 Jahre alt bin, vielmehr in aller Bescheidenheit daran erinnern, daß ich in diesen Jahren nicht nur Buchbesprechungen verfaßt habe.

Ich mache noch die Kanonbibliothek der deutschen Literatur, von der bereits drei Teile zu haben sind: die Romane (zwanzig Bände), die Erzählungen (zehn Bände), die Dramen (acht Bände). In wenigen Wochen folgen die Gedichte (sieben Bände), jetzt arbeite ich an den Essays, die, wahrscheinlich in fünf Bänden, viel mehr als Essays bieten werden, nämlich auch Reden, Abhandlungen, Feuilletons sowie Literatur-, Theater-, Musik- und Kunstkritiken. Dieser letzte Teil wird vermutlich in Januar erscheinen. Ich frage mich, ob der Kollege von der taz ahnt, wieviel Arbeit ein solcher Kanon bereitet, auch wenn ich mit dieser Arbeit vor rund siebzig Jahren begonnen habe?

Überdies arbeite ich an der Frankfurter Anthologie, die allwöchentlich in der F.A.Z. zu lesen ist und dann in einzelnen Bänden, jetzt kommt der 28. Band. Diese Rubrik habe ich 1974 gegründet. Noch hat niemand gesagt, sie sei überflüssig.

Ein ganz anderer Vorwurf in der taz lautet, ich würde keinen Widerspruch dulden. Ich dachte, in den fünfzehn Jahren, als ich den Literaturteil der F.A.Z. leitete, in beinahe jeder Nummer bewiesen zu haben, daß ich tolerant und liberal bin. So sind - um hier nur eines von hundert Beispielen anzuführen - in der F.A.Z. häufig umfangreiche und fast immer rühmende Besprechungen eines von mir so wenig geschätzten Schriftstellers wie Ernst Jünger erschienen. Aber vielleicht darf ich ausnahmsweise etwas über mich zitieren, ohne es zu kommentieren.

Ulrich Greiner, der mich gut kennt, weil er rund sieben Jahre in der Literaturredaktion der F.A.Z. gearbeitet hat, schrieb 1990, als er längst bei der Zeit war: Für den Umgang mit Reich-Ranicki gibt es einen Geheimtip: Man muß ihm widersprechen. Denn Widerspruch liebt er über alles ... Es fordert ihn heraus, grimmig und fröhlich. Er lebt, denkt und schreibt mit und aus dem Widerspruch.

Und schließlich noch eine freundschaftliche Warnung des Kollegen von der taz. Er schreibt, es könnte eines Tages sein, daß mein Leben und meine späte Medienpräsenz meine literaturkritische Arbeit und meine Bücher überstrahlen werden. Ja und? Was soll ich da tun? Es ist schon wahr: Wenn ich zehn Minuten in einer Talkshow plaudere, reagieren darauf 27 deutsche Zeitungen. Wenn ich indes eine Studie über Musil publiziere, an der ich ein Jahr gearbeitet habe, muß ich mich damit abfinden, daß sich die knappe Resonanz auf zwei oder drei Zeitschriften beschränkt.

Wie könnte man der Crux, vor der ich gewarnt werde, vorbeugen? Ich kann es überhaupt nicht, denn ich denke nicht daran, meine Tätigkeit im Fernsehen an den Nagel zu hängen. Aber vielleicht können es meine Kollegen und Freunde. Zu ihnen zähle ich auch Gerrit Bartels, dem ich herzlichst danke.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.06.2005, Nr. 24 / Seite 31
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