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Fragen Sie Reich-Ranicki Die Zärtlichkeit eines Zorns

04.07.2011 ·  Wutrede mit versöhnlichen Akzenten: Thomas Bernhards „Holzfällen“ schildert die von Zorn verdeckte Sehnsucht eines manischen Egozentrikers nach seiner Heimatstadt Wien und ihren Menschen.

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Was ist von Thomas Bernhards „Holzfällen“ zu halten?

Reich-Ranicki: Das Buch „Holzfällen“ beginnt mit den allen Freunden Bernhards längst vertrauten wortreichen Schmähreden, zu denen sich aber diesmal sehr bald (und unerwartet) versöhnlichere Akzente gesellen. Ein österreichischer Schriftsteller, der dem Autor Bernhard auffallend ähnelt, ohne mit ihm identisch zu sein, hat seine Heimat vor einem Vierteljahrhundert (nicht ohne Zorn) verlassen und inzwischen in London gelebt. Doch es zieht den missvergnügten Österreicher wieder in die Stadt, die er am meisten auf Erden verabscheut - nämlich nach Wien.

Dort versucht er, einsam zu leben. Aber es dauert nicht lange und er hat das dringende Bedürfnis, der Isolation zu entkommen. Daher geht er täglich spazieren, und zwar dort, wo diese widerliche Stadt am allerwiderlichsten ist - auf dem Graben und in der Kärntnerstraße. Und wie der Riese Antaios seine Kraft einbüßte, wenn er über der Erde schwebte, und sie wiedererlangte, wenn seine Füße sie berührten, verspürt auch Bernhards Ich-Erzähler inmitten der verhassten und vor lauter Ekel seit vielen Jahren gemiedenen Stadt ein wahres Wunder: Dieses entsetzliche Wien ist plötzlich „der Motor, der meinen Kopf wieder denken, der meinen Körper wie einen lebendigen reagieren läßt“.

Projektion des Selbstekels

Gewiss, Bernhards Lust an Schimpftiraden und Scheltarien hat nicht nachgelassen, auch diesmal dominieren Verneinung und Verurteilung und sind so heftig und so unbarmherzig wie eh und je in seinem Werk. Doch es scheint, als würde die immer wieder beteuerte Abwendung etwas tarnen - nämlich das Bedürfnis nach Zuwendung: Bei aller Enttäuschung und Bitterkeit ist die beinahe schamhafte Sehnsucht nach Zuneigung und Herzlichkeit kaum zu übersehen.

Das hat zunächst einmal mit der Perspektive zu tun, aus der das Ganze erzählt wird und die buchstäblich alles von vornherein relativiert. Denn jener, der hier im Mittelpunkt steht, dieser Heimkehrer aus London, ist ein schwaches und labiles, ein unglückliches Geschöpf. Er liebt die Selbstanklage und die Zerknirschung, er wird von Komplexen geplagt, von Obsessionen gepeinigt. Nicht ohne Grund ist er um seinen Geisteszustand besorgt. Doch nichts macht ihm mehr zu schaffen als sein Selbstekel: „. . . und sah direkt in mein eigenes verkommenes Gesicht . . ., und es ekelte mich vor mir selbst viel mehr, als mich vor dem Auersberger und seiner Begleiterin geekelt hatte.“

Hass auf die Wohltäter

Dieses Ehepaar Auersberger hat offenbar im Leben unseres Ich-Erzählers eine außergewöhnliche Rolle gespielt. Denn er kann sich nicht genug darin tun, schlecht über die beiden zu reden: Nicht nur, dass er sie seit vielen Jahren gemieden hat, auch schon die Erwähnung ihres Namens durch Dritte verursachte ihm Übelkeit. Sie hätten ihn einst in seine „Existenzkatastrophe“ getrieben und in die „äußerste Ausweglosigkeit“, sie seien schuld, dass er damals nach Steinhof, der Wiener Irrenanstalt, gebracht werden musste.

Doch je mehr Bernhard seinen Ich-Erzähler gegen diese Auersbergers wettern lässt, desto stärker drängt sich der Verdacht auf, dass hier einer mit seiner eigenen Vergangenheit nicht fertig wird: Jene, die er nicht müde wird, als „grauenhafte Zerstörer und Umbringer“ seiner Person anzuklagen, waren in Wirklichkeit eher seine Wohltäter. Die lebenslängliche Pflicht der Dankbarkeit kann eine Last sein, der zumal schwache Individuen nicht gewachsen sind. Sie fliehen in den Hass und landen, wie könnte es anders sein, bei der Hassliebe. So etwa lässt sich ein wichtiges Motiv des Buches „Holzfällen“ lesen.

Vorwärtsdrang eines manischen Egozentrikers

Sicher ist, dass wir es - wie bei den anderen Büchern Bernhards aus dieser Zeit - mit einer Epik zu tun haben, in der die Anschaulichkeit der Darstellung durch die Unmittelbarkeit des Monologs erreicht wird. Und wieder einmal ist das Ganze nichts anderes als das Selbstgespräch eines auf so gefährliche wie amüsante Weise beredten Monomanen. Es empfiehlt sich, dem grandios räsonierenden Ich-Erzähler nie ganz zu trauen. Ob er von Frauen redet oder von Männern, ob er die Menschen verteufelt oder verherrlicht - unentwegt ist dieser Ich-Erzähler auf der Suche nach sich selbst. Die wütende, die hemmungslose Ich-Besessenheit ist die Kraft, die seine Suada immer aufs Neue anheizt.

Mit anderen Worten: Die nahezu pathologische Egozentrik führt und verführt hier zur Auseinandersetzung mit der Umwelt. So erkennt der Ich-Erzähler in dem verkommenen und versoffenen Komponisten Auersberger, dem Mann mit der „ungeheueren Sprachbegabung“ und mit einer „wenn auch immer nahe der Verrücktheit agierenden, so doch und gerade aus diesem Grunde außergewöhnlichen Intelligenz“ seinen geistigen Bruder, genauer: das Zerrbild seiner eigenen Person. Das Auersberger-Porträt zeigt, was aus Bernhards Helden (und vielleicht sogar aus ihm selber) geworden wäre, wenn er nicht über jene Energie verfügte, ohne die es keine große Leistung gibt.

Musikalität des Stils

Hämmernder Rhythmus und vorwärtsdrängende Dynamik - das sind wohl die wichtigsten Kennzeichen des Bernhardschen Stils. Daher ist es verständlich, dass man, einigermaßen ratlos angesichts der schwer zu erklärenden Wirkungskraft dieser Prosa, musikalische Begriffe zu Hilfe genommen hat. Am häufigsten werden seine Monologe mit Fugen verglichen. Bernhard selber hat sich, soviel ich weiß, hierzu nie geäußert. Doch es ist gewiss kein Zufall, dass eine im Buch „Holzfällen“ mit sehr viel Herzlichkeit und Mitgefühl geschilderte Figur, Joana, gerade Ravels „Bolero“ besonders liebt, ein Werk also, in dem bei gleichbleibender Tonart ein einziges Thema manisch wiederholt wird - wie eine fixe Idee. Erst kurz vor dem Schluss wählt Ravel eine andere Tonart.

Auch Thomas Bernhard wechselt sie am Ende plötzlich. Er, der legitime Erbe des sprachgewaltigen Abraham a Sancta Clara, ist nun der Kapuzinerpredigten satt und hat die Kühnheit, sich zu allem zu bekennen, was er eben erst angeklagt hat: „ich dachte . . ., daß diese Stadt doch meine Stadt ist und immer meine Stadt sein wird und daß diese Menschen meine Menschen sind und immer meine Menschen sein werden . . .“.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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