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Fragen Sie Reich-Ranicki Die Versammelten erhoben sich von ihren Plätzen

15.03.2010 ·  Was er von Ricarda Huch halte, wird Marcel Reich-Ranicki von einer Leserin gefragt. Der Literaturkritiker würdigt die Erzählerin und Wissenschaftlerin als radikale Konservative, die zwischen phantasievollem Erzählen und exakter Dokumentation changierte und sich entscheiden gegen den Nationalsozialismus wandte.

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Was halten Sie von Ricarda Huch? Karla Winnlingen, Karlsruhe

Reich-Ranicki: In Braunschweig wurde sie 1864 geboren, 1947 starb sie im Taunus. Ihr Studium begann sie in der Schweiz. Ihren Trost suchte sie bei der Wissenschaft, bei der Literatur. Nach einiger Zeit ging Ricarda Huch wieder nach Deutschland, nach Bremen. Niemals vernachlässigte sie in ihren Arbeiten die Darstellung der Gefühle und Leidenschaften, niemals unterschätzte sie die Rolle des Unbewussten.

Intuition und Reflexion bildeten bei ihr eine natürliche, eine unzertrennliche Einheit. Daher ist es auch so schwer zu entscheiden, welcher Gattung ihre besten Bücher angehören. Wer hat sie geschrieben - eine Dichterin oder eine Wissenschaftlerin, eine phantasievolle Erzählerin oder eine exakte Chronistin?

Ricarda Huch war stets beides zugleich und auf einmal. Ihre Essays sind auch Geschichten und ihre Geschichtswerke auch Epen. Ihr Buch über die Romantik, um die Jahrhundertwende in zwei Bänden publiziert, ist ein fundamentales kulturgeschichtliches Kunstwerk.

Die zünftige Germanistik hatte die Romantik auf sträfliche Weise verkannt und vernachlässigt. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war sie fast schon in Vergessenheit geraten. Aber Ricarda Huch kümmerte sich nicht um die Regeln und Konventionen der Germanisten. Trotzig verfolgte sie ihren eigenen Weg: Sie griff auf die Schriften der Romantiker zurück, auf ihre vielen Briefe und auf andere reichlich vorhandene Zeugnisse der Epoche.

Es sind die Volksführer und Freiheitskämpfer, die Anarchisten, Revolutionäre und Rebellen, mit denen sie sich immer wieder beschäftigte. Ihre Liebe galt den (in des Wortes weitester Bedeutung) Protestanten - von Luther und Tilman Riemenschneider bis zu dem von ihr bewunderten Freiherrn von und zum Stein.

Man hat sie als konservativ bezeichnet. Wenn das zutrifft, dann war sie freilich konservativ und radikal zugleich. Man hat sie als Neuromantikerin abstempeln wollen. Aber kein Vertreter der Neuromantik hatte so viel Sinn für die Realität der Gegenwart wie diese Frau. Wie in ihrem Buch für den Dreißigjährigen Krieg nahm sie stets Partei für die Erniedrigten und die Beleidigten.

Im Jahre 1926 wurde sie in die neugegründete Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt. Als im Frühjahr 1933 die Juden aus dieser Sektion der Dichtkunst entfernt wurden - es waren darunter Alfred Döblin, Franz Werfel und Jakob Wassermann -, als andere Schriftsteller wie Thomas Mann und Heinrich Mann unwillkommen waren, hat Ricarda Huch sofort ihren Austritt aus der Akademie erklärt.

Aber sie hat sich nie zur Ruhe gesetzt, nie hat sie aufgehört zu schreiben. In ihren nach 1945 entstandenen Arbeiten gab es keine Spur von Selbstgerechtigkeit oder gar Selbstmitleid. 1946 erklärte sie knapp: „Betrachten wir uns nicht als Opfer, sondern als solche, die mit der Hölle im Bunde waren.“

Als sich im Oktober 1947 die deutschen Schriftsteller Ost und West zum ersten Mal nach dem Zusammenbruch zusammenfanden, wurde Ricarda Huch zur Ehrenpräsidentin gewählt. Die Versammelten erhoben sich von ihren Plätzen.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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