11.01.2008 · Nabokovs Roman „Pnin“ kennt keine These und keine Botschaft, von irgendeiner Lösung ganz zu schweigen. Und doch ist es ein großartiges Buch über die Tragödie des Intellektuellen im zwanzigsten Jahrhundert, meint Marcel Reich-Ranicki.
Wie schätzen Sie Vladimir Nabokov und sein Werk ein, zumal den Roman „Pnin“? Dr. Joachim von Köppen, Bad Homburg v.d.H.
Reich-Ranicki: Nicht ich bin berühmt, sagte Nabokov, Lolita ist es. Auch in Deutschland, wo man sich mit dem Werk Nabokovs sehr viel Mühe gegeben hat (Herausgeber Dieter E. Zimmer) und wo seine Romane und Erzählungen - laut seiner eigenen Aussage - „mit ungewöhnlichem Scharfsinn und Kunstverständnis begriffen und gewürdigt“ wurden, konnte bloß die skandalumwitterte „Lolita“ eine hohe Auflage erzielen, wozu die beiden Verfilmungen - von 1962 und 1997 - wahrscheinlich viel beigetragen haben. Sollte etwa Nabokovs Prosa für die Leser der Unterhaltungsliteratur viel zu anspruchsvoll und für die anspruchsvollen Leser zu unterhaltend sein?
„Pnin“ ist, wie manch ein humoristischer Roman, eine epische Charakterkomödie. Sie bezieht ihre Wirkung meist aus der zentralen Figur, über die sich die Mitmenschen lustig machen. Da beinahe alles von dem Porträt des unheroischen Helden abhängt, verliert die Handlung an Bedeutung. Von höchster Bedeutung ist hingegen der düstere Untergrund der Komödie, der Schatten, der auf ihr liegt. Ein wenig überspitzt: In der Komödie kommt es auf das Tragische an. Eine Komödie ohne Tragik ist ein Witz ohne Pointe.
Auch im „Pnin“ geschieht wenig und vorwiegend Belangloses. Nabokov zeigt ihn in verschiedenen, doch so gut wie immer alltäglichen Situationen. Sie machen sofort seine Lächerlichkeit erkennbar, aber auch seine Integrität und Würde. Wer ist nun dieser Pnin, der seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebt und dort in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts an einem Kleinstadtcollege russische Sprache und Literatur lehrt?
Er entstammt einer gebildeten, einer offenbar glücklichen Familie. Auch Pnin war zunächst, vermute ich, ein durchaus glücklicher Mensch. Aber die Weltgeschichte wollte es anders. Geboren im Jahre 1898, wie sein Autor in St. Petersburg, wurde er natürlich im 19. Jahrhundert geprägt. Solange es währte, war ihm das Schicksal günstig - und es dauerte in Russland bis zu jenem Machtwechsel im Herbst 1917, der später von der kommunistischen Propaganda zur größten Revolution der Menschheit erklärt wurde. Er kämpft gegen die Bolschewiken und flieht nach Konstantinopel. Das Exil verschlägt ihn schließlich auf die andere Halbkugel. Es ist eine Wanderung ohne Ende.
„Pnin“ - das ist zunächst einmal ein Roman über die Emigration. Pnin ist ein Geschöpf der Welt, in die er hineingeboren wurde - nur kommt sie ihm abhanden. Seine russische Identität ist sein Glück und sein Verhängnis. Assimilieren kann er sich nicht: Er ist in Amerika, was er schon in Konstantinopel, in Prag und Paris war - ein Ausländer, zur Einsamkeit verurteilt, ein kurioser Fremdling.
Das Exil macht aus ihm einen lebenden Anachronismus: Wie er ein Europäer in Amerika bleibt, so auch ein Kind des 19. Jahrhunderts inmitten des zwanzigsten. Er versucht das Autofahren zu erlernen - mit Hilfe der „Encyclopedia Americana“, in der er mit wachsendem Interesse Abbildungen von Getrieben und Bremsen studiert. Allerdings schreiben wir das Jahr 1954, die Abbildungen stammen aus dem Jahr 1905.
Also ein zerstreuter Professor? Der Ich-Erzähler bestreitet es: „Die Welt war es, die zerstreut war, und es war Pnins Sache, sie wieder einzurenken.“ Gemeint ist jene Formel, auf die Schriftsteller gern zurückgreifen, wenn es darum geht, den leidenden Intellektuellen vor eine überfordernde Aufgabe zu stellen. Es ist unser geliebter Prinz von Dänemark, der, nachdem ihn sein toter Vater in eine heikle Situation gebracht hat, lauthals klagt: „Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.“
Ist Pnin, dieser ständige Versager, ein Opfer der Weltgeschichte? Natürlich kann er die Welt nicht wieder einrenken, was ja auch dem dänischen Prinzen nicht gelungen ist. Indes haben Hamlet und Pnin mehr miteinander gemein, als es zunächst scheinen will. Beide sind sie weltfremde Intellektuelle. Aber Hamlet scheitert an der Kluft zwischen Theorie und Praxis, an dem Widerspruch zwischen dem Gedanken und der Wirklichkeit. Bei Pnin haben wir den gleichen Widerspruch, doch taucht er nur noch als Parodie auf.
Dieser Roman kennt keine These und keine Botschaft, von irgendeiner Lösung ganz zu schweigen. Wenn es hier ein zentrales Motiv gibt, dann ist es die Tragödie des Intellektuellen im zwanzigsten Jahrhundert, gezeigt am Beispiel des politischen Emigranten. Aber es widerstrebt Nabokov, Derartiges direkt auszusprechen.
Pnin ist ein Narr aus dem Geschlecht des Fürsten Myschkin, dieses Gütigen, den man nicht davon abbringen konnte, die Menschen zu lieben. Wir kennen ihn aus dem Roman „Der Idiot“ von Dostojewskij, den die lesende Menschheit bewundert und den Nabokov verachtet. Er, Pnin, kommt nicht auf die Idee, jemanden übers Ohr zu hauen.
Aber immer wieder wird er überlistet: Oft ist es seine Intelligenz, die ihm ein Bein stellt. So muss er sich in Amerika mit der Bahn in eine andere Stadt begeben. Er studiert den Fahrplan und findet tatsächlich eine Verbindung, die günstiger ist als die ihm empfohlene. Zwölf Minuten wird er sparen, er ist zufrieden mit sich selbst. Nur ist sein Fahrplan fünf Jahre alt und nicht mehr gültig. Kurz und gut: Professor Pnin befindet sich im falschen Zug. Seit er nicht mehr in Russland lebt, ist unser Hamlet im falschen Zug.
Naja, man kann sich darüber streiten...
Markus Leibold (MSL)
- 12.01.2008, 15:26 Uhr
Zugfahrten
Klaus Steffen (krs)
- 12.01.2008, 17:38 Uhr