02.09.2008 · Kann Literatur als konkrete Lebenshilfe dienen? Warum nehmen zeitgenössische Autoren kaum noch Einfluss auf die Politik? Und seit wann hat das Läuten des Telefons eigentlich erlösende Wirkung? Antworten weiß Marcel Reich-Ranicki.
Glauben Sie, dass Literatur konkrete Lebenshilfe bieten kann? Priska Mielke, Köln
Reich-Ranicki: Ja, das glaube ich mit Sicherheit. Aber das können in der Regel nur Werke von hoher literarischer Qualität bewirken. Und ob sie tatsächlich diese Wirkung ausüben, hängt vor allem vom Leser ab. Tausende oder auch Millionen haben Goethes „Faust“ gelesen. Aber wahrscheinlich waren es nicht sehr viele Menschen, denen dieses herrliche Werk wirklich geholfen hat.
Woran liegt es, dass sich deutsche Schriftsteller kaum noch in die Politik einmischen? Brauchen wir nicht den kritischen Geist der Autoren in diesem Land? Frank Simmering, Celle
Natürlich brauchen wir in diesem Land (wie in jedem anderen) den kritischen Geist, der sich in die Politik einmischt. Dass die Autoren sich in den letzten Jahren in diesen Angelegenheiten nur noch selten zu Wort meldeten, hat vermutlich mit ihrer Enttäuschung zu tun. Viele von ihnen glauben wohl, absolut nichts erreicht zu haben.
Wie schaffen Sie es, so viele Bücher zu lesen? Haben Sie eine bestimmte Methode, werden Sie nie abgelenkt? Alois Lang, Wien
Das möchte ich auch wissen. Jedenfalls habe ich keine besondere Methode. Übrigens wird mir diese Frage immer wieder gestellt. Und ob ich abgelenkt werde? Ja, natürlich. Aber ist das so schlimm? Brecht hat einmal gesagt, er könne nur dichten, wenn ab und zu das Telefon auf seinem Schreibtisch läutet. Die Anwesenden befürchteten, Brecht habe sich einen Scherz geleistet und wolle sie verspotten. So war es aber nicht: Er meinte es ganz ernst.
Wenn er mit einem Gedicht beschäftigt sei, könne es passieren - erklärte er -, dass er steckenbleibt und nicht weiterweiß. Er grübelt, doch kommt dabei nichts raus. Plötzlich läutet sein Telefon. Glücklich greift er zum Hörer. Er spricht mit jemandem fünf Minuten und kehrt dann zu seinem Manuskript zurück. Und siehe: Jetzt ist alles klar, jetzt weiß er genau, wie das Gedicht weitergehen muss. Auch mir ist es bisweilen so ergangen: Mich hat das Telefon nicht gestört, sondern erlöst.
Welcher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wird im 21. und 22. Jahrhundert dasselbe Ansehen genießen, welches der Goethe des 19. Jahrhunderts im 20. und 21. Jahrhundert genossen hat? Dr. Michael W. Esser, Berlin
Das weiß ich nicht. Wenn Sie aber dringend eine Antwort auf diese Frage brauchen, dann empfehle ich, dass Sie sich an einen Hellseher wenden. Ich jedenfalls bin für die Literatur der Vergangenheit und Gegenwart zuständig und nicht für die Literatur der Zukunft.
Ich habe gehört, dass ein Grund dafür, dass es mit dem deutschen Roman und dem deutschen Film lange nicht so weit her ist wie mit dem englischen, amerikanischen, französischen und italienischen, darin liegt, dass wir keine großen Erzähler zu unseren geistigen Ahnen zählen dürfen, sondern allenfalls große Dichter. Was sagen Sie dazu? Dr. Michael W. Esser, Berlin
Ich bin verblüfft. Deutschland hat keine großen Erzähler? Und Goethe, der Autor des „Werthers“ und der „Wahlverwandtschaften“? Der geniale Novellist E. T. A. Hoffmann? Der herrliche Schweizer Gottfried Keller? Die Österreicher Arthur Schnitzler und Joseph Roth? Thomas Mann, dem wir die „Buddenbrooks“ und den „Zauberberg“ verdanken? Und schließlich der Jahrhundertschriftsteller Franz Kafka? Sind das keine großen Erzähler, die wir zu unseren geistigen Ahnen zählen dürfen? Ob die Voraussetzung „mit dem deutschen Roman und dem deutschen Film (sei es) lange nicht so weit her wie mit den Romanen und Filmen der Engländer, Amerikaner“ und so weiter - stimmt oder nicht - mit den Ahnen und ihrem Fehlen hat das nichts zu tun.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur