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Veröffentlicht: 02.08.2005, 13:43 Uhr

Fragen Sie Reich-Ranicki Die besten Romane von Joseph Roth?

Welchen Roman von Joseph Roth sollte man unbedingt gelesen haben? Und was charakterisiert die Prosa dieses Schriftstellers? Wir fragen Marcel Reich-Ranicki.

Welchen Roman von Joseph Roth sollte man unbedingt gelesen haben? Bertolt-Dietrich Gärtner, Frankfurt/Main

Reich-Ranicki: Ich empfehle Roths Roman „Hiob“ und „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ und vor allem den „Radetzkymarsch“. Aber man sollte auch seine Erzählungen lesen, zumal „April“, „Stationschef Fallmerayer“ und „Die Legende vom heiligen Trinker“. Was charakterisiert eigentlich die Prosa von Joseph Roth?

Um es ganz klar zu sagen: Wir verdanken ihm wunderbare Bücher, doch kein einziges, das sich als bahnbrechend erwiesen hätte. Er gehört zu den großen deutschen Stilisten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, aber ein Einfluß auf die Literatur läßt sich seinem Werk nicht nachrühmen. Er war ein Meister der Beobachtung und der Beschreibung, seine Prosa verblüfft noch heute durch die Anschaulichkeit und Exaktheit der Darstellung. Etwaige Versuche jedoch, aus dieser Epik eine intellektuelle Essenz zu destillieren, können nicht viel ergeben.

Für die Theoretiker der Romanform sind Roths Werke ebenfalls keine dankbaren Objekte. Gerade in seinen späteren (und ungleich wichtigeren) Romanen hat er sich um die neuen Wege der Kunst überhaupt nicht gekümmert, hat sich vielmehr entschieden zur traditionellen Erzählweise bekannt. Andererseits freilich scheint es ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen, die ebenso unauffälligen wie unvergleichlichen Schönheiten seiner Prosa, ihren Rhythmus und ihre Melodie definieren zu wollen. Ob er es wollte oder nicht: Er hat es seinen Lesern immer leicht- und seinen Interpreten oft schwergemacht.

Ein ungewöhnlicher Schriftsteller war Roth auch insofern, als er ein Vielschreiber und dennoch ein gewissenhafter Künstler zu sein vermochte. Er sündigte nie gegen die Natürlichkeit des Tonfalls, er wurde nie redselig, sein Stil kannte keine Koketterie. Konsequent und doch elastisch ist diese Prosa, schlank, aber nicht hager, muskulös, aber nicht knochig. Roth war ein gehetzter Mensch, ein Mann am Abgrund. Von seiner Sprache indes geht eine vollkommene Ruhe aus, ja Abgeklärtheit.

Er liebte weiche Farben und harte Kontraste. In seinen wortkargen Dialogen wird das Entscheidende durch die Pausen ausgedrückt: Das Schweigen seiner Helden hat unendlich viele Schattierungen. So scharf und genau seine Beschreibungen auch sind, indezent oder indiskret sind sie nie. Er war ein herzlicher Analytiker und ein disziplinierter Plauderer, ein barmherziger und unerbittlicher Erzähler: Er litt mit seinen Geschöpfen, er verurteilte sie nie. Aber er tauchte sie in das klare Licht, in dem alle Details deutlich werden.

Es mag sein, daß sich die epischen Arbeiten Joseph Roths, jedenfalls die besten unter ihnen, als einigermaßen dauerhaft erweisen konnten - seit seinem Tod ist ein Zeitraum von weit über sechzig Jahren vergangen -, eben weil ihm alles Gewaltige fremd war und weil er vom Monumentalen nichts wissen wollte. Er liebte die Anmut mehr als den Tiefgang und hatte Charme genug, um auf die Gewichtigkeit verzichten zu können. Leicht gab sich die Weisheit Joseph Roths, gelassen und heiter.

Wie Raimund und Nestroy, wie Schnitzler und Hofmannsthal verstand sich auch Roth auf die österreichische Kunst, die Einsicht in das Elend und die Vergänglichkeit des Daseins in bestrickend freundlicher Form zu bieten und noch aus dem Lebensüberdruß wahre Meisterwerke der Liebenswürdigkeit zu schaffen.

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