War Arno Schmidt ein Scharlatan? Oder ein großer Schriftsteller? Sigurd Ramsch, Sigmaringen
So extrem sich Schmidts Werk häufig darbietet, so wenig ist ihm mit extremen Urteilen beizukommen. Mit Verherrlichung ist es hier nicht getan. Aber auch nicht mit Verwerfung.
Arno Schmidt, der 1914 in Hamburg geboren wurde und ab 1928 in Schlesien lebte, trat in seiner Jugend in Breslauer Lokalen als Gedächtniskünstler auf, der zahlreiche ihm zugerufene Telefonnummern im Kopf behalten, von hinten nach vorn aufsagen und miteinander multiplizieren konnte. Es ist das phänomenale Gedächtnis Schmidts, das die Eigenart seiner Epik und Essayistik ermöglicht hat und das ihr Fundament bildet.
An der Breslauer Universität studierte er Mathematik und Astronomie, brach indes das Studium schon sehr schnell ab: im Jahre 1933. Aber er verfügte über gründliche und detaillierte Kenntnisse, er hat sich als Autodidakt ein großes Wissen angeeignet. Mathematikern und Astronomen sagt man gern Akribie, Systematik und Weltfremdheit nach. Autodidakten wirft man oft vor, dass sie zur Übertreibung und zur Einseitigkeit neigen und dass sich bei ihnen zuweilen das Fehlen der Maßstäbe bemerkbar mache.
Glaube an die erlösende Kraft der Vernunft
Schmidt ist verliebt in Ziffern, Atlanten, Lexika, Statistiken, Messtischblätter, Staatshandbücher und Nachschlagewerke, ihn faszinieren Bibliotheken und Archive, Zettelkästen und Kartotheken, sein Vertrauen zu der Macht der Zahlen, Daten und Tabellen kennt offenbar keine Grenzen. Er mochte seine Zeitgenossen beschimpfen und anklagen, soviel er wollte, doch konnte er nicht verheimlichen, dass er sich von den exakten Wissenschaften eine geradezu rettende Funktion erhoffte; er mochte lästern und ketzern und haarsträubende Zynismen aneinanderreihen, doch der Glaube an die erlösende Kraft der Vernunft und der Aufklärung bildete den Untergrund seines Werks.
Aber der ostentative Positivismus Schmidts, sein unbeirrbares Vertrauen zur Arithmetik und zur Statistik, zur Geodäsie und zur Astronomie, deutet auch auf die Grenzen seines Horizonts hin. Erlösung durch Mathematik - dieses nie so nackt ausgesprochene, doch in seiner Prosa allgegenwärtige Axiom erinnert schließlich an die guten alten Zeiten, etwa an den Materialismus Haeckelscher Provenienz.
Die Hoffnung, die Arno Schmidt, dieser als rabiat und aggressiv abgestempelte Schriftsteller, an die Möglichkeiten der exakten Wissenschaften knüpfte, mutet heute etwas bieder, treuherzig und schwärmerisch an. Hier machte sich, glaube ich, Weltfremdheit bemerkbar und auch ein Stich ins Provinzielle.
Eine Kunst, die rasch veraltet
Seine Metaphorik konnte ihre direkte Herkunft schwerlich verleugnen: Es war die Lyrik des Expressionismus, die hier Pate gestanden hat. Von ihr hat Schmidt, wenn nicht die einzelnen poetischen Bilder selbst, dann doch zumindest ihre Muster übernommen. Denn als Hauptelement seiner Metaphorik erweist sich die für den Expressionismus so typische Dynamisierung der Landschaft und, vor allem, die ständige Personifikation der Naturphänomene.
Die Erfahrung lehrt, dass eine Kunst, die sich besonders greller und lauter, extremer und extravaganter Mittel bedient, in bestimmten historischen Situationen den Nerv der Zeit treffen und eine starke Wirkung ausüben kann - und dann umso schneller veraltet. Von den Dramen der Expressionisten - Walter Hasenclevers etwa oder Ernst Tollers -, die während des Ersten Weltkriegs und kurz darauf in aller Munde waren, wollte man schon um 1930 nichts mehr wissen, ihr gestriges Echo war kaum noch begreiflich.
Ähnliches gilt für Arno Schmidts „Leviathan“ und „Brand's Haide“. Dass sich damals nicht wenige Leser von diesen Büchern tief betroffen fühlten, mag angesichts ihrer Exaltation heute schon verwunderlich erscheinen, ist jedoch eine Tatsache. Aber was um 1950 als heftiger und eigenwilliger Ausdruck des Generationserlebnisses verstanden werden konnte, das mutete, um und nach 1960 wiederholt und variiert, nur noch kurios und weltfremd an, antiquiert und provinziell. Der Weg, der von der Avantgarde zur Arrièregarde führt, ist in der Regel kurz.
Doch sollte man nicht vergessen, dass Schmidt in den fünfziger Jahren einige poetisch-schnoddrige Prosawerke geschrieben hat, die, zwischen getarnter Zartheit und betonter Brutalität schwankend, Elemente eines Gegenentwurfs, einer autonomen und authentischen künstlerischen Gegenwelt enthalten. Arno Schmidts „selfmadeworld“ in Halbtrauer - das ist eine der Antworten, die die deutsche Literatur der fünfziger Jahre ihrer Zeit und ihren Zeitgenossen zu geben vermochte.
Wir wissen es längst: Je schwieriger es für den Schriftsteller wird, seiner Epoche beizukommen, desto mehr sieht er sich auf das Nächstliegende verwiesen, auf das, was sich noch fassen und zeigen lässt. Das gilt auch für Arno Schmidt. Nur bleibt hinzuzufügen, dass er gegen die große schnöde Welt das Glück im stillen Winkel ausspielte und gegen die gesellschaftliche Misere die kleinbürgerliche Idylle.
"Eine Kunst, die rasch veraltet"
Knut Birkholz (sverris)
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Ungerechtigkeit ?
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