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Fragen Sie Reich-Ranicki Die Angst des Wissenden

09.03.2010 ·  Was meinte Max Frisch, als er vom „Alleinsein im Dschungel der Unsagbarkeiten“ schrieb? Macht der Druck der Diktatur die Literatur der DDR der westdeutschen überlegen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Bei Ihnen heißt es: „,Montauk' ist eine poetische Bilanz; ein Buch der Liebe, geschrieben von einem Dichter der Angst“. Was meinen Sie mit: Dichter der Angst? Heinz Reinhardt, Neu-Isenburg

Reich-Ranicki: Frisch schrieb in seiner Züricher Rede von 1958: „Ich gebe Zeichen von mir, Signale . . . Ich schreie aus Angst, ich singe im Dschungel der Unsagbarkeiten.“ Frischs Helden, Frischs Figuren sind Menschen in der Defensive. Sie versuchen, einer feindlichen Umwelt zu widerstehen, ihre Eigenart zu verteidigen. Von Angst getrieben, rebellieren sie gegen Gesetz und Ordnung. Von Angst bedrängt, sehen sie sich schließlich genötigt, Kompromisse einzugehen und zu kapitulieren.

Allein, es ist die Angst des Wissenden, die Frisch schreiben lässt und die er in vielen seiner wichtigsten Gestalten zeigt. Anders ausgedrückt: Um das „Alleinsein im Dschungel der Unsagbarkeiten“ zu spüren und zu fürchten, muss man der Existenz der Unsagbarkeiten bewusst sein. An einer Stelle seines Romans lesen wir: „Man muss der Wahrheit auf den Grund gehen, wenn die Angst aufhören soll. Oft denke ich, jede Wahrheit, die bitterste, ist besser als die Angst.“

War die Literatur der DDR wirklich die bessere der deutschen Literaturen - weil sie unter existentiellem Druck entstanden ist? Und was halten Sie von den Gedichten Johannes Bobrowskis? Gehören Sie zu den besten, die in der DDR geschrieben wurden? Ferdinand Malinowski, Frankfurt/Oder

Bobrowski war ein beachtlicher, ein wichtiger Autor. Dass er zu den besten Dichtern aus der DDR gehört, trifft nicht zu, es ist mit Sicherheit übertrieben. Sarah Kirsch und Peter Huchel - um nur zwei Namen zu nennen - scheinen mir origineller und interessanter.

Conrad Ferdinand Meyer - ist er noch aktuell? Und was bedeutet er heute? Ulrich Angersbach, Offenbach/Main

In der „Frankfurter Anthologie“ gibt es dreizehn Gedichte von C. F. Meyer. Ich bin überzeugt, dass seine Gedichte nach wie vor aktuell sind, dass sie Ihnen viel bedeuten.

Döblin ist heute doch weit weniger bekannt als sein einstiger Kontrahent Thomas Mann. Woran liegt das? Viola Effmert, München

Das ist eben der Unterschied zwischen den beiden Autoren.

Können Sie jungen Leuten noch zum Beruf des Literaturkritikers raten? Simon Schaaf, Wolfsburg

Studieren Sie erst einmal Literaturgeschichte - und dann werden wir weitersehen.

Gibt es Werke von Thomas Mann, die für Sie aus seinem Schaffen herausragen, die Sie vielleicht mit ganz besonderem Vergnügen gelesen haben? Joch Brusch, Tübingen

Ja.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage @faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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