18.10.2010 · Was für viele Schriftsteller der Wiener Moderne gilt, trifft auch auf Arthur Schnitzler zu: Der Weltkrieg zerstampfte seine Welt. Zum zweiten und nicht zum letzten Mal beschäftigt sich Marcel Reich-Ranicki mit dem vergessenen und wiedergefundenen Wiener Erotiker.
Von Marcel Reich-RanickiNoch einmal: Was halten Sie von Schnitzler? Carla Schöller, München
Marcel Reich-Ranicki: Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler wurden 1862 geboren. Der eine galt als Poet aus dem sagenumwobenen Riesengebirge, der andere als Literat aus dem Wiener Kaffeehaus. Hauptmann feierte man als Seher, Schnitzler hatte den Ruf eines Leichtgewichtlers, eines Erotikers, was in der Vorstellung vieler deutscher Leser gleichbedeutend war mit dem Zug zum Frivolen und der Neigung zum Schlüpfrigen.
Noch hatte Schnitzler zahlreiche Leser - seiner 1924 erschienenen Novelle „Fräulein Else“ war ein großer Publikumserfolg beschieden; noch wurden einige seiner Stücke, ältere zumal, auf vielen Bühnen gespielt. Symptomatisch ist allerdings ein Vorfall, der sich 1924 in einem Berliner Theater ereignet hatte.
Zwei Männer störten die Vorstellung von Schnitzlers Drama „Der einsame Weg“ mit, wie berichtet wird, „überaus lautstarken“ Bekundungen ihres Missfallens: Es sei, riefen sie, unbegreiflich, dass man derartigen „Schund“ aufführe. Die so stürmisch gegen Schnitzlers Stück protestierten, waren zwei jüngere Dramatiker: Bertolt Brecht und Arnolt Bronnen.
Als im Frühjahr 1926 der preußische Kultusminister die Gründung einer „Sektion für Dichtkunst“ an der Akademie der Künste zu Berlin angeordnet hatte, wandte sich die Redaktion der „Literarischen Welt“ an rund 20.000 ihrer regelmäßigen Leser mit der Frage, wer nach ihrer Ansicht dieser Sektion angehören sollte. Auch wenn wir nicht wissen, wie viele Leser die Frage tatsächlich beantwortet haben, zeigen ihre Ergebnisse doch deutlich, welche Schriftsteller damals populär waren und von dem an der Literatur interessierten Publikum geschätzt wurden.
Über hundert Stimmen erhielten siebenundzwanzig Autoren. An der Spitze der Liste stand mit großem Vorsprung Thomas Mann, für den 1421 Leser votierten. Es folgten Franz Werfel (682 Stimmen) und Gerhart Hauptmann (594 Stimmen), ferner Rudolf Borchardt, Stefan George, Döblin, Rilke und Hesse. Auch Brecht war unter den 27 vorgeschlagenen Schriftstellern, freilich erst auf dem 24. Platz. Den Namen Arthur Schnitzler sucht man auf dieser Liste vergeblich.
Für die neue Generation waren die Motive Schnitzlers belanglos geworden, und seine Gestalten muteten so fremd an wie seine Stoffe verstaubt. Die Welt, aus der er schuf, habe der Krieg zerstampft, so dass „seine ganze Kultur für lange oder für immer vernichtet scheint“, urteilte 1922 Stefan Zweig.
Auch das Spätwerk Schnitzlers, zu dem einige hochbeachtliche Erzählungen gehören, blieb ohne Einfluss auf die literarische Welt: Kurt Tucholsky scheint von ihm nur die (sehr bedeutende) Novelle „Leutnant Gustl“ aus dem Jahr 1900 gelesen zu haben. Als Schnitzler 1931 starb, würdigte man ihn in meist knappen und kühlen Nachrufen als Autor einer abgeschlossenen Epoche, einer versunkenen Welt, die man nicht zu Unrecht vergessen habe. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur
Marcel Reich-Ranicki Jahrgang 1920, ehemaliger Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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