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Fragen Sie Reich-Ranicki Der Wohllaut einer einzigartigen Poesie

 ·  Er gilt als Inbegriff des Poetischen und und wurde zum Objekt religiöser Dichterverehrung. Das Verrätselte und Pretiöse an ihm scheint heute fremd, das Betörende seiner einzigartigen Wortmusik bleibt. Marcel Reich-Ranicki über den Dichter Rainer Maria Rilke.

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Was halten Sie von Rainer Maria Rilke? Yvonne und Erich K. L., München

Man hat für ihn geschwärmt, mehr noch: Man hat ihn angebetet. Er war das Idol und der Abgott ganzer Generationen deutscher, ja europäischer Leser. Er galt ihnen als die Verkörperung des Dichterischen, sein klangvoll-dichterischer Name - Rainer Maria Rilke - wurde zum Inbegriff des Poetischen. Man hat sein Wort als Heilsverkündung hingenommen und als Religionsersatz. Nur mit einem einzigen Deutschen wurde er verglichen - mit jenem, dessen Name immer noch mit weihevoller Scheu genannt wird, mit Friedrich Hölderlin. Aber Rilke war ungleich mehr als ein Heiliger: Er war ein genialer Künstler.

Vieles in seinem Werk ist mittlerweile verblasst und überlebt, schwach und fragwürdig, preziös und prätentiös und sogar banal. Von den geheimnisvollen und rätselhaften Botschaften, zumal in seinen späten Elegien und Sonetten, wenden sich manche unserer Zeitgenossen ungeduldig ab.

Gleichwohl entzückt uns auch in unseren Tagen der Wohllaut dieser einzigartigen Poesie, ihr hochgestimmter Ton, ihre geradezu verschwenderische Bilderfülle. Rilke wusste mit dem Reim umzugehen wie nur wenige Dichter in der Geschichte unserer Literatur. Er hat der Sprache ungeahnte Klänge und Melodien abgewonnen. In vielen seiner Verse vermochte er auszudrücken, was unaussprechbar schien: Seine Poesie ist ein Triumph über das Unsagbare.

Doch Rilkes betörende Wortmusik sollte einen nicht unterschätzen lassen, dass er mitunter den Zeitgeist sehr genau zu erkennen vermochte. Von ihm stammt der Vers aus dem Jahre 1908, der die Leiden einer ganzen Generation ausdrückt: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

Stadien des Nachlebens

Sein Nachruhm hat unterschiedliche Phasen durchgemacht. Es gab und gibt einen Rilke-Kult, der sich meist als überflüssig erweist. Eine Rilke-Mode machte sich bemerkbar; sie war belanglos und lächerlich. Man redete von einer Rilke-Renaissance, die wir nicht brauchen, weil sein Werk nie vergessen wurde. Es entstand sogar eine Rilke-Theologie, die niemandem genutzt, wohl aber dem Ansehen Rilkes geschadet hat.

Wir lieben den feierlichen Gedichtanfang: „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Und wir zitieren jene frühe Dichtung, die nicht zu seinen besten gehört, die ihn aber, in Millionen von Exemplaren verbreitet, wie keine andere berühmt machte und sogar zu einem Volksschriftsteller werden ließ. Ich meine die unvergessliche „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“.

Worauf also kommt es an? Zunächst und vor allem auf die Lektüre seiner Lyrik, auf die kritische, versteht sich.

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