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Fragen Sie Reich-Ranicki Der unvergessliche Trinker

03.07.2010 ·  Ist Sympathie für den Faschismus ein Ausschlusskriterium für gute Lyrik? Ist Hans Fallada noch lesenswert? Und warum gerieten Theodor Plieviers Tatsachenberichte aus dem Weltkrieg derart in Vergessenheit? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.

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Warum ist Theodor Plievier derart in Vergessenheit geraten? Ich lese auch heute immer noch seine eindrucksvollen Romane „Moskau“ und „Stalingrad“. Elisabeth Gerig

Reich-Ranicki: Plievier, der Sohn einer Arbeiterfamilie, wurde 1892 in Berlin geboren und erwies sich rasch als vielseitiger Journalist und Publizist, vor allem aber als erfolgreicher „Tatsachenromancier“. Allerdings war diese Bezeichnung noch nicht bekannt, man zog es vor, von „Reportage“ zu sprechen.

In den späteren zwanziger Jahren wurden seine Bücher über den Weltkrieg zusammen mit denen von Arnold Zweig, Ludwig Renn, Remarque und vielen anderen Autoren schnell populär. Plieviers Buch über die M“arine des Kaisers - mit dem Titel „Des Kaisers Kuli“ - fand ebenfalls ein großes Publikum, nicht nur in Deutschland.

Zusammen mit Plievier nannte man am häufigsten Remarque. Er ging nach Amerika und fand viele interessierte Leser. Plievier war, ähnlich wie Remarque, kein Kommunist, doch ein engagierter Antimilitarist, bald auch ein Antifaschist. Nach dem Zweiten Weltkrieg publizierte er die sehr aufschlussreichen Kriegsbücher „Moskau“ - „Stalingrad“ - „Berlin“.

Diese auf dem ganzen Erdball berühmte Trilogie seiner „Tatsachenberichte“ durfte jedoch in der DDR und in anderen kommunistischen Staaten nicht mehr zur Kenntnis genommen werden, sie wurde in den unterschiedlichsten Ländern nicht einmal genannt. Plievier starb 1955 in der Schweiz. Ich habe verschiedene seiner Bücher, wenn auch nicht gerade geliebt, so doch mit Sicherheit geschätzt.

Wann haben Sie zum ersten Mal Bücher von Hans Fallada gelesen? Ist er heute noch lesenswert? Walter Ferber, Leipzig

Reich-Ranicki: Ja, Fallada war lesenswert, er ist es immer noch. Er stammt aus Greifswald, im Zweiten Weltkrieg war er „Sonderführer“, 1944 musste er in einer Trinkerheilanstalt untergebracht werden. Er starb 1947 in Berlin an einem Übermaß von Betäubungsmitteln.

Fallada fand ein enormes Publikum. Seine Erzähler aus der Alltagswelt bewährten sich immer wieder als ungewöhnlich befähigte Milieuschilderer. Sein Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ ist der effektvoll geschriebene Bericht über eine Bauernrevolte in Norddeutschland. 1932 war sein erfolgreichstes Buch „Kleiner Mann - was nun?“ erschienen, das auch auf der Bühne sehr erfolgreich inszeniert wurde. Während des Dritten Reiches hat auch sein Buch „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ viele Leser gefunden. Ein später, unvergesslicher Roman hatte den knappen Titel „Der Trinker“.

Welches Buch Fontanes schätzen Sie am meisten? Dr. Karl Wonn, Paderborn

Reich-Ranicki: „Effi Briest“, „Der Stechlin“, „Frau Jenny Treibel“. Und ein nicht gerade berühmtes Buch: „Schach von Wuthenow“.

Kann ein Mann wie Gottfried Benn, der mit dem Faschismus sympathisierte, überhaupt ein guter Lyriker sein? Solveig Keller, Düsseldorf

Reich-Ranicki: Leider ja. Ich wiederhole: L e i d e r ja.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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