08.02.2011 · Der heiße Atem der Revolution weht durch die Schriften Georg Büchners, der nach ihrem Scheitern zum Dichter der großen Vergeblichkeit wurde. Marcel Reich-Ranicki über den Schriftsteller seiner Jugend, dem er bis heute die Treue gehalten hat.
Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach Georg Büchner aus? Paul Gollnast, Bamberg
Büchner praktiziert hierbei eine damals noch unbekannte Erzähltechnik: den Perspektivenwechsel, den unmittelbaren Übergang von der Ich- zur Er-Erzählung. Er profitiert von seinen Medizinkenntnissen, was später auch andere deutsche Schriftsteller, meist unter seinem Einfluss, mit Erfolg getan haben - so vor allem die Ärzte Gottfried Benn, Alfred Döblin und Arthur Schnitzler.
In „Dantons Tod“, den er im Alter von 21 Jahren innerhalb von fünf Wochen verfasst hat, weht der noch nie auf der Bühne so spürbar und bewusst gemachte Geist der Jugend, der heiße Atem der Revolution, der Sturm der Weltgeschichte. Schon als Halbwüchsiger ist Büchner in revolutionäre Umtriebe in Hessen verstrickt - er studierte in Gießen -, er wurde steckbrieflich gesucht.
Die Revolution hat ihn fasziniert, doch die Sachlichkeit des Naturwissenschaftlers kam ihm sofort ins Gehege. Er war weder ein Anhänger noch ein Gegner der Revolution, er hat sie weder besungen noch verklärt. Wohl aber hat er sie mit wachsender Verwunderung beobachtet und mit Abscheu gezeigt. Sein Thema war die Enttäuschung, die die Revolution hervorrief, war die große Vergeblichkeit.
Am Eingangstor der Moderne
Die Figuren des „Danton“ und des unvollendeten „Woyzeck“ sind leidende Kreaturen, die sich häufig nur in Gesprächsfetzen und in Bruchstücken von Monologen äußern können. Der Barbier und Soldat Woyzeck, der von Vorgesetzten und Wissenschaftlern gedemütigt und missbraucht wird, ist Vorbild vieler plebejischer Gestalten in der neueren deutschen Literatur.
In der Schule hatte ich mit Büchner etwas Kummer. In der Unter- oder Obersekunda sollten wir einen Hausaufsatz über unseren „Lieblingsschriftsteller“ schreiben. Man durfte ein Heft füllen, aber doch nicht mehr. Ich schrieb natürlich über Büchner, füllte sage und schreibe drei Hefte, was geradezu ungehörig war, und glaubte, ein Glanzstück produziert zu haben.
Ich wurde enttäuscht, die Note lautete bloß „im Ganzen gut“, also Zwei minus. Die Arbeit sei kein Schulaufsatz mehr, als literarischer Versuch nicht ganz überzeugend, kommentierte der sympathische Lehrer. Dann sah er sich um, ob jemand in der Nähe stand, und fügte leise hinzu: „Wenn Sie Kritiker geworden sind, dann schreiben Sie mir eine Postkarte.“ Das hat mir natürlich geschmeichelt.
Mit Büchner beginnt die moderne deutsche Literatur. Seine Werke führen zum Realismus, zum Naturalismus und zum Expressionismus ebenso wie zum epischen Theater, zum Theater der Surrealisten und zum Dokumentartheater. Büchner führt zu Gerhart Hauptmann, zu Frank Wedekind und zu Ödön von Horváth und schließlich zu Franz Kafka und Bertolt Brecht. Wolfgang Koeppen bekannte: „Georg Büchner war mir am deutschen Himmel immer der nächste von allen Sternen.“
Er war der Dichter meiner Jugend, und er ist bis heute mein Dichter geblieben.
Georg Büchners Werk
Roland Lukner (spiralartig)
- 11.02.2011, 19:36 Uhr