21.06.2007 · Der hanseatische Poet Hans Erich Nossack war ein Sprecher jener, die auf der Suche nach der Heimat heimatlos geblieben sind. Er ist in Vergessenheit geraten - zum Bedauern Marcel Reich-Ranickis.
Schätzen Sie das Werk Hans Erich Nossacks? Angelica Bergmann, Bergkirchen
Reich-Ranicki: Hans Erich Nossack, der 1901 geboren wurde und 1977 starb, war der Meister des stillen Pathos, der Virtuose des schreienden Understatements, der nüchternste Visionär unserer Literatur. Er ist längst in Vergessenheit geraten, was ich bedauere, was mir aber nicht unverständlich ist.
Zu jenen eigenwilligen Schriftstellern, an deren Werk sich die Geister immer schieden, gehörte auch er. Das Studium brach er ab und ließ sich zunächst von jenen extremen Lösungen hinreißen, die für die Generation, die durch den Ersten Weltkrieg und die Inflation um ihren traditionellen Rückhalt gebracht wurden, so attraktiv waren: Nossack trat dem nationalistischen Freikorps bei und wechselte bereits 1922 wieder zur Kommunistischen Partei über. Bald überzeugte er sich, dass der Kommunismus ohne Marxismus nur eine rührende Illusion war. Um 1925 trennte er sich von der KPD, zu der er 1930 wieder zurückkehrte. Er hielt die KPD für die einzige Partei, die Hitler verhindern könnte. Kurz vor 1933 begann er zu schreiben. Doch 1933 galt er, natürlich, als „unerwünscht“. Um sich der drohenden Aufmerksamkeit der neuen Herren zu entziehen, trat er in die Firma seines Vaters ein und wurde Importkaufmann.
Wo warst du, Adam?
In den Büchern, die er nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat, erzählte er von Menschen, die glauben, ihre Individualität nur dann verwirklichen zu können, wenn sie sich gegen die Umwelt auflehnen. Ihre Anstrengungen sind vergeblich, der Revolte ist eine Niederlage beschieden. Allerdings darf man Nossack nicht in der Nachbarschaft seiner Generationsgenossen suchen, der - wie etwa Anna Seghers oder Erich Kästner - um 1900 Geborenen. Vielmehr gehörte er zu jenen erheblich jüngeren Autoren, die damals, als auch er zu publizieren anfing, also nach 1945, draußen vor der Tür standen und die Frage stellten: Wo warst du, Adam?
Sobald man Nossack als Repräsentanten der Generation erkennt, die sich am stärksten im Werk Wolfgang Borcherts, in der Prosa des jungen Heinrich Böll und in den Versen Günter Eichs artikulierte, dann kommen seine Besonderheiten deutlich zum Vorschein. Während die anderen die leidenden Opfer der Geschichte in den Mittelpunkt rückten und die Welt aus deren Blickwinkel zeigten, erzählte Nossack aus der Sicht eines Beobachters.
Fast brüskierender Gleichmut
Während die Helden Bölls und Borcherts klagten und jammerten, schrien und fluchten, beteten und weinten, sprachen die zentralen Figuren Nossacks mit fast brüskierendem Gleichmut: Er ließ sie vor allem berichten, er verbarg seine heftige Teilnahme hinter scheinbarer Neutralität. Verhör und Protokoll, Recherche, Rapport und Chronik - das waren Nossacks Formen von Anfang an. Aber er wusste, dass Märchen und Visionen heute mehr denn je des nüchternen Ausdrucks bedürfen und dass gerade das Übersinnliche auf die sachlich-kühle Darstellung angewiesen ist.
Um die Realität verdeutlichen zu können, distanzierte er sich von ihr. Um das Bild unserer Zeit zu klären und von Entstellungen zu befreien, verfremdete er es - mit mythologischen Motiven. In dem Roman „Spätestens im November“ (1955) verlässt Marianne ihren Mann, einen tüchtigen Manager, um einem Schriftsteller ins Ungewisse zu folgen. Sozialkritik und Märchen gehen hier ineinander über.
Die Fragwürdigkeit der Liebe
Denn die Geschichte der beiden Menschen, die ihre Liebe leben oder doch jedenfalls leben wollen, dient als Kontrastmotiv zu der funktionalisierten Welt des damals noch jungen deutschen Wirtschaftswunders. Die Geschichte von der großen Liebe erzählt zugleich von der Unmöglichkeit oder doch Fragwürdigkeit dieser Liebe in der Bundesrepublik. Marianne hatte ihren Mann verlassen, weil er ihr fremd geworden war. Aber auch der Entführer bleibt ihr, nach einer kurzen Periode des Glücks, fremd. Beide, der Manager und der Schriftsteller, haben für die Frau keine Zeit: Für den einen ist die Fabrik wichtiger, für den anderen die Literatur.
Nicht einmal die Liebe ist imstande, eine tiefe und dauerhafte Beziehung zwischen den Menschen zu ermöglichen. Was als Märchen begonnen, endet als Parodie. Der Liebesroman der fünfziger Jahre ist nicht eine elegische Weise von Glück und Tod zweier Menschen, sondern eine Klage über den Verschleiß der Seelen, eine Studie jener psychischen Störung, für die man damals das Wort „Kontaktlosigkeit“ erfand.
Studien der Vereinsamung
Auch die Erzählungen des Bandes „Spirale“ (1956) sind Studien der Vereinsamung und der Selbstentfremdung und zugleich Proteste gegen die Diktatur des Herkömmlichen, der Konvention und der Norm. Die Helden dieser Erzählungen sind „Grenzüberschreiter“ - wie jener gewissenhafte Versicherungsangestellte, der sich in der „Unmöglichen Beweisaufnahme“ vor einem imaginären Gericht zu verantworten hat, weil das spurlose Verschwinden seiner Frau aufgeklärt werden muss. Eine siebenjährige Ehe wird durchleuchtet, und zum Vorschein kommen das Versagen des Individuums, der Verlust der Bindungen.
Nicht Untüchtigkeit und berufliche Fehlschläge treiben die Figuren Nossacks in ihre Außenseiterposition, vielmehr entspringt ihre Isolierung ihrer Gabe, die Umwelt zu durchschauen und ihre Fragwürdigkeit zu spüren. Der hanseatische Poet Hans Erich Nossack war ein Sprecher jener, die auf der Suche nach der Heimat heimatlos geblieben sind.
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