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Fragen Sie Reich-Ranicki Der Maßstab der Kunstkritik bin ich

14.11.2009 ·  Theodor Fontane war kein verlässlicher Kritiker. Zum Glück. Statt der ästhetischen Doktrin folgte er dem gesunden Menschenverstand und der unmittelbaren Empfindung. Was er schlecht fand, wollte er auch so benannt wissen. Ein Porträt von Marcel Reich-Ranicki.

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Wie schätzen Sie Theodor Fontane als Kritiker ein? Takayuki Matsui, Nagoya, Japan

Als Rezensent war Fontane vor allem ein Praktiker. Er mag uns als vorbildlich gelten, allerdings nur als Theaterkritiker. Mehr als zwanzig Jahre lang, von 1870 bis 1891, versah er gewissenhaft seinen Parkettdienst. Er schrieb über einzelne Stücke und Aufführungen, er hielt es für seine wichtigste Pflicht, zu berichten und zu werten. Nicht zu den Starkritikern gehörte er, die sich zu besonderen Ereignissen äußern. Er rezensierte alles, was der Spielplan bot: Klassisches und Modernes, Bedeutendes und Läppisches.

In mancherlei Hinsicht war auf Fontane kein Verlass – glücklicherweise. Denn ganz verlassen kann man sich immer nur auf jene Kritiker, die auf eine Lehre oder eine Ästhetik schwören, die an Kant oder Hegel, an Marx oder Freud glauben, die von der Unfehlbarkeit des Formalismus und des Strukturalismus überzeugt sind. Den alten Stechlin ließ er sagen: „Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“ Nicht ohne Stolz bekannte er in einer Rezension: „Es ist allerpersönlichst unsere Schwäche, aber auch unsere Stärke, uns um Doktrinen nicht allzu viel zu sorgen.“

Wenn es ihm an Mut nicht fehlt, wenn er etwas taugt und den billigen Vorwurf des Hochmuts nicht fürchtet, dann antwortet er: Die Maßstäbe, die Kategorien und die Kriterien – das bin ich. Fontane hat kurzerhand erklärt, „dass es mit den Prinzipien und einem Paragraphen-Codex nicht geht. Man muss sich auf seine unmittelbare Empfindung verlassen können.“

Also nur die „unmittelbare Empfindung“ und keine ästhetischen Regeln und Vorschriften? Bedeutet das nicht, der Willkür Tür und Tor öffnen? Das andere Schlüsselwort Fontanes lautet: der gesunde Menschenverstand. So hartnäckig in Deutschland die Vorliebe für das Dunkle und das Geheimnisvolle, so unverwüstlich ist seit den Tagen der Romantik die stets unverkennbare Verachtung dessen, was man mit überlegenem Lächeln den „gesunden Menschenverstand“ nennt.

Schlecht ist schlecht

Für Fontane jedoch ergab sich Kritik immer aus „unmittelbarer Empfindung“ plus „gesundem Menschenverstand“. Dass die Betrachtung der Literatur niemals die Gegenwart aus dem Auge verlieren dürfe, das war für ihn, der nicht das Temperament eines Wissenschaftlers, sondern eines Literaten und Journalisten hatte, selbstverständlich. Nie vergaß er, für wen seine Kritiken bestimmt waren: Für die Leser arbeitete Fontane und nicht für die Kollegen, das Publikum wollte er überzeugen und nicht die Zunft.

Es ist sehr bezeichnend für die Misere unseres literarischen Lebens, dass man mit der Popularität eines Kritikers oft und gern die Minderwertigkeit oder zumindest die Fragwürdigkeit seiner Arbeiten beweisen möchte. Der Vorwurf lautet dann: Er wird viel gelesen, weil er nur artikuliert, was das Publikum ohnehin denkt, und weil er sich so ausdrückt, dass ihn jedermann gleich versteht. Fontane reagierte auf derartiges souverän und humorvoll, fast ohne Gereiztheit.

Vom Adressaten seiner Kritik zeugt ihre Sprache. Slang, Jargon und Dialekt, Sprichwörter, scherzhafte Vergleiche und volkstümliche Redensarten sollten ihm ähnlich wie Witze und Anekdoten und übrigens auch Kalauer dazu verhelfen, jenes nächste Ziel zu erreichen, an dem Fontane so gelegen war - doch wenigstens verstanden zu werden.

Eben deshalb drückte er sich ganz ohne Umschweife und ohne Rücksichtnahme aus: Er riskierte es, unentwegt möglichst eindeutige, scharfe und überscharfe Urteile auszusprechen. Von der beliebten und freilich für viele Rezensenten auch sehr bequemen Ansicht, unmittelbare Wertungen seien ein wenig unvornehm oder taktlos, hielt ein so nüchterner Praktiker wie Fontane natürlich nichts. Dass Direkturteile, vor allem negative, dem Kritiker stets den Vorwurf einbringen, er verteile wie ein Schullehrer Zensuren, kümmerte ihn überhaupt nicht. Er meinte vielmehr: „Schlecht ist schlecht, und es muss gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Minderungen kommen.“

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Quelle: F.A.Z.
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