10.12.2009 · In Österreich scheint sich die menschenfreundliche Ansicht bewahrt zu haben, dass Romane lesbar, Gedichte verständlich und Stücke spielbar sein sollten, findet Marcel Reich-Ranicki auf die Frage eines Lesers nach den Eigenarten der Literatur unseres Nachbarlandes.
Ich bitte Sie um einige Worte über die österreichischen Schriftsteller. Elisabeth Schott, Hamburg
Reich-Ranicki: Die besten österreichischen Schriftsteller liebten die Anmut mehr als den Tiefgang und hatten Charme genug, um auf die Gewichtigkeit verzichten zu können. Ihre Weisheit gab sich heiter, ihre Heiterkeit oft bitter.
Doch bemühen sie sich stets, uns diese Bitterkeit schmackhaft zu machen. Jedenfalls verstand man sich dort auf die Kunst, die Einsicht in die Vergänglichkeit des Daseins in bestrickend freundlicher Form zu bieten und noch aus dem Lebensüberdruss wahre Meisterwerke der Liebenswürdigkeit zu schaffen.
Denn mochten diese Schriftsteller gern vor der Wirklichkeit fliehen - weltfremd waren sie in der Regel nicht: Sie konnten der Faszination erliegen, die von der Irrealität ausgeht, ohne deshalb das Gespür für die Realität des Lebens - und auch des literarischen Lebens - einzubüßen.
Zwar distanzierten sie sich oft von der Gegenwart, aber nie von dem Publikum; ja, sie fanden geradezu ein Vergnügen daran, ihm augenzwinkernd entgegenzukommen - gelegentlich so weit, dass sich strenge Kunstrichter veranlasst sahen, sorgenvoll das Haupt zu schütteln.
Diese schöne Tradition spürt man noch jetzt in den Büchern der österreichischen Autoren. Natürlich wird auch in Wien über die Literatur viel spekuliert und gestritten, auch dort entwirft man verwegene Theorien und erprobt kühne Möglichkeiten.
Doch unabhängig von diesen Erwägungen und mitunter im Widerspruch zu ihnen scheint sich in Österreich die menschenfreundliche Ansicht bewahrt zu haben, dass Romane lesbar, Gedichte verständlich und Stücke spielbar sein sollten. In der Heimat Nestroys und Schnitzlers ist es heute ebenfalls nicht üblich, das Publikum zu vergessen. In einem Gespräch mit Eckermann meinte Goethe, dass alle Künste des Talents wenig helfen, wenn uns aus einem Theaterstück nicht „eine liebenswürdige und große Persönlichkeit des Autors entgegenkommt“. Was Goethe vom Drama verlangt, gilt erst recht für den Essay, ja er wird durch diesen hohen Anspruch geradezu definiert.
Erst dank der subjektiven Sicht und dem individuellen Stil wird aus der Studie oder der Abhandlung ein Essay. Neben allem anderen macht er einen Schriftsteller erkennbar, der vielleicht im Hintergrund bleibt und der gleichwohl stets mit seinen Gedanken, Ansichten und Kenntnissen zugegen ist, mit seinen Gefühlen und Lebenserfahrungen.
Hinter dem Essay steht ein anderer Mensch oder, mit Goethe zu sprechen, eine Persönlichkeit. Von einer österreichischen Persönlichkeit wollen wir sehr bald in unserer Rubrik sprechen.
Leser fragen, der Kritiker erklärt die Weltliteratur