Home
http://www.faz.net/-grg-13v6r
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fragen Sie Reich-Ranicki Der Flirt des Kritikers mit der Literatur

09.09.2009 ·  Kurt Tucholsky war einer der größten Literaturkritiker des vergangenen Jahrhunderts und doch keine typische Kritikerfigur. Seine Kritiken sind nicht das kühle Urteil eines Sachverständigen, sondern Bekenntnisse und Geständnisse eines Betroffenen. Ein Porträt von Marcel Reich-Ranicki.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Wie beurteilen Sie den Literaturkritiker Kurt Tucholsky? Waltraud Fink

Reich-Ranicki: Kurt Tucholsky war einer der großen Literaturkritiker der Weimarer Republik. Aber war er überhaupt ein Literaturkritiker? Gewiss, er hat Hunderte von Buchbesprechungen verfasst, und von seinen Objekten hat er bestimmt mehr verstanden als die meisten seiner schreibenden Zeitgenossen. Müßig scheint mir diese Frage dennoch nicht.

Tucholskys Beziehung zu literarischen Gegenständen war von Anfang an subjektiv und impulsiv. Sie blieb auch in späteren Jahren eher passioniert als distanziert. Seine Kritiken sind Bekenntnisse und Geständnisse eines Betroffenen, Erklärungen eines Verliebten, Hassausbrüche eines Verletzten.

„Entweder du liest eine Frau, oder du umarmst ein Buch . . .“ - dieses Bonmot charakterisiert die Eigenart seiner Literaturbetrachtung. In der Regel hat der Prozess seiner Auseinandersetzung mit den Büchern, über die er sich äußert, den Beigeschmack einer erotischen Inbesitznahme oder einer (wiederum nicht unerotischen) Desillusionierung und Zurückweisung. Bisweilen war es ein kesser und zärtlicher Flirt mit der Literatur, häufiger noch ein intensives Liebesverhältnis. So ähneln die Kritiken Tucholskys niemals den Gutachten eines Sachverständigen. Wir haben es vielmehr mit den Beichten eines Lesers zu tun und mit den Plädoyers eines Liebhabers, der sich beschenkt oder betrogen fühlt und der jedermann von seinem Glück oder seiner Enttäuschung erzählen will. Die eigenartige Mischung aus phänomenaler Reizbarkeit und höchstem Talent hat viel zur Popularität seiner Feuilletons und Miniaturen beigetragen.

Er wurde ein genialer Conférencier der Epoche - vorausgesetzt, dass ein Conférencier genial sein kann. Von diesem Geist und Temperament profitieren auch Tucholskys Rezensionen. Unter ihnen finden sich die anmutigsten und anregendsten, die in unserem Jahrhundert über Bücher geschrieben wurden. Er, der mit der Literatur so gern anbändelte und flirtete, hatte wenig Lust, sich mit ihr auf ein längeres und tieferes Gespräch einzulassen. In der Regel - von der es nur ganz wenige Ausnahmen gibt - porträtierte er nicht Schriftsteller, sondern besprach stets einzelne Bücher. Er hat sie nicht als isolierte Phänomene betrachtet. Er begriff und wertete sie sehr wohl als Symptome, doch vornehmlich gesellschaftlicher, politischer, zeitgeschichtlicher Umstände und nicht etwa literarischer, künstlerischer Strömungen und Entwicklungen.

Dies aber muss, zumindest auf den ersten Blick, geradezu widersinnig erscheinen. Schließlich war Tucholsky ein überaus musischer Mensch. Natürlich ist das in seiner Kritik unverkennbar. Dem professionellen Literaten macht es Spaß, als Versuchsperson zu fungieren, der raffinierte Branchenexperte gefällt sich in der Rolle eines naiven Zaungasts, der freilich nicht verheimlichen will, dass er eben doch ein Kenner der Materie ist.

So befragt der Fachmann leutselig den Amateur, und der Amateur kontrolliert augenzwinkernd den Fachmann. Diese Doppelperspektive ist das entscheidende Kennzeichen der Kritik Kurt Tucholskys.

Das wär's für heute. Aber es ist noch viel über den Kritiker Tucholsky zu sagen. Einiges darüber soll der Leser an dieser Stelle in einer Woche finden.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen