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Fragen Sie Reich-Ranicki Der Dichter und sein Stethoskop

 ·  Warum sollte Marcuse nicht vergessen werden? Weshalb wirkte Ingeborg Bachmann so stark auf Männer? Und warum gibt es heute so wenig schreibende Ärzte? Nach Antworten sucht Marcel Reich-Ranicki.

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Haben Sie die Lebenserinnerungen von Ludwig Marcuse „Mein 20. Jahrhundert“ gelesen? Ist das empfehlenswert? Barbara Reisig, Köln

Marcel Reich-Ranicki: Marcuse, der 1894 in Berlin als Sohn eines Kaufmanns geboren wurde und der 1971 in München gestorben ist, war (offen gesagt) eine fragwürdige Figur des geistigen Lebens. Er hat einige schwache Bücher geschrieben, und doch war Ludwig Marcuse ein großer Literat. Er hatte allerlei Fehler und zugleich etwas, das in der Bundesrepublik Seltenheitswert beanspruchen kann: Format. Oft wurde er als unzeitgemäß empfunden. In der Tat mutete er im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre etwas anachronistisch an. Aber das war ihm ganz recht. Und das lag nicht an der Epoche, sondern vor allem an ihm selber. In seiner Börne-Monographie hatte Marcuse erklärt, was als sein Credo gelten kann: „Der Mensch ist nicht zum Kämpfen geboren, sondern zum Leben - und zum Kämpfen nur verurteilt.“ Marcuse sollte doch nicht ganz vergessen werden. Seine Lebenserinnerungen „Mein 20. Jahrhundert“ sind sehr aufschlussreich.

Was halten Sie von den Gedichten Else Lasker-Schülers? Siglinde Scholz, Köln

Sie wurde 1869 in Elberfeld/Wuppertal geboren und starb am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Gottfried Benn hat 1952 geschrieben, Else Lasker-Schüler sei „die größte Dichterin, die Deutschland je hatte“. Das bezog sich vor allem auf ihre Gedichte. Ihre epischen, dramatischen und essayistischen Arbeiten haben zwar auch einige Bedeutung, aber keine so große und radikale wie ihre Lyrik.

Viele bedeutende Autoren waren im Hauptberuf Ärzte. Warum ist das heute nicht mehr der Fall?

In dieser Angelegenheit sollten Sie sich an Mediziner wenden. Das ist meine Sache nicht. Allerdings ist es sehr richtig, darauf hinzuweisen, dass viele Dichter tatsächlich ärztlich tätig waren: Das gilt für Arthur Schnitzler, Alfred Döblin, Gottfried Benn, Hans Carossa und viele andere.

Hatte Ingeborg Bachmann wirklich eine so außergewöhnlich starke Wirkung auf Männer? Wie hat sie das gemacht? Und war die Wirkung auf Sie ebenso heftig?

Ich bin mehrfach bei Veranstaltungen mit Ingeborg Bachmann zusammengetroffen, zumal auf Tagungen der Gruppe 47. Es trifft wohl zu, dass sie auf viele Männer eine starke Wirkung hatte. Ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten mit ihr gesprochen, kann aber die anderen Fragen, die Sie mir gestellt haben, nicht beantworten.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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