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Fragen Sie Reich-Ranicki Der Dichter der großen Vergeblichkeit

 ·  Vor bald hundertfünfzig Jahren wurde er geboren, Freud hat in ihm einen Bruder im Geiste gesehen: Marcel Reich-Ranicki über die Aktualität Arthur Schnitzlers.

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Im Mai 2012 wäre Arthur Schnitzler 150 Jahre alt geworden. Glauben Sie, dass seine Schriften uns heute noch etwas zu sagen haben?
Ute Fackler, München

Marcel Reich-Ranicki: Ja, dessen bin ich mir sogar sicher. Sollte man mich fragen, welches seiner Bühnenwerke ich am meisten schätze, ich zögerte nicht, „Professor Bernhardi“ zu nennen, das intelligenteste, das beste Stück über den Antisemitismus. Leider hat es nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Sollte man mich fragen, welches seiner Bühnenwerke ich am meisten bewundere, ich zögerte nicht, auf den „Reigen“ zu verweisen, in dem Schnitzler die Menschen in der intimsten Situation zeigt, nämlich vor und nach dem Beischlaf, und so ein kritisches Bild der Gesellschaft seiner Zeit entwirft. Sollte man mich aber fragen, welches seiner Bühnenwerke ich am meisten liebe, ich zögerte nicht, mich zur „Liebelei“ zu bekennen, dem Schauspiel, das der längst verstorbene Kritiker Hans Weigel als einen „Todestanz im Dreivierteltakt“ bezeichnet hat.

Der urbane und gewandte Wiener Arzt und Jude Schnitzler war Poet und ein kritischer Kopf, Sprachkünstler und nüchterner Seelenforscher in einem. Sigmund Freud hat ihn als Bruder im Geiste anerkannt, der vieles in seiner Literatur intuitiv vorwegnahm, was sich die Wissenschaft erst mühsam zu erarbeiten hatte. Schnitzlers Dramen, Novellen und Romane spielen zwar in verschiedenen Ländern und Epochen, aber sie lassen sich allesamt als Bruchstücke einer einzigen Geschichte lesen - und diese kann uns wahrlich nicht gleichgültig lassen. Denn es ist die Geschichte eines Verfalls: Die Bedrohung und der Untergang der bürgerlichen Welt und der europäischen Zivilisation, die Heimatlosigkeit und die Entfremdung des Intellektuellen in seiner Epoche, in allen Epochen - das waren Schnitzlers zentrale Themen.

Von Einsamkeit gequält, sehnen sich seine Helden nach der Frau. Aber ob sie nun, um eine Formulierung aus seinem „Anatol“ aufzugreifen, in jeder Kokotte das Weib zu finden hoffen oder in jedem Weib die Kokotte, enttäuscht werden sie allemal: Nirgends spüren sie ihre Einsamkeit schmerzhafter als im Bett der Geliebten. So wenden sie sich rasch von ihr ab, um das Glück bei der nächsten zu suchen. Doch die Liebe bleibt ihnen versagt.

Persönliches und Allgemeines bilden bei Arthur Schnitzler eine selbstverständliche Einheit, eine Synthese. Er war, wie kaum ein anderer Schriftsteller, ein erotischer Zeitkritiker und ein zeitkritischer Erotiker. Er wurde zum Dichter der großen Vergeblichkeit, des Scheiterns und des Abschieds, des sinnlosen Lebens und des sinnlosen Sterbens. Niemals ausgesprochen, geistert durch sein Werk das Bibelwort „Es ist alles ganz eitel.“

Fotos von Schnitzler erwecken meist den Eindruck, dieser behäbig wirkende Herr sei ein gleichmütiger und gelassener Mensch gewesen. Der Eindruck täuscht. Wie fast alle Juden in der Geschichte der deutschen Literatur kannte auch Schnitzler keine Ruhe, war auch er ein Getriebener. Nicht am Judentum hat er gelitten, sondern am österreichischen Antisemitismus, dessen Aktivitäten er, stets aufs Neue verwundert, aufmerksam registrierte. Sein ganzes Leben hindurch war er antisemitischen Schmähungen ausgesetzt. Nach der Lektüre einiger Gedichte von Liliencron stellte er im Tagebuch kühl fest: „Wie schön ist es, ein Arier zu sein - man hat sein Talent so ungestört.“ Schnitzlers Tagebuch ist vielleicht eines der aufrichtigsten, das je verfasst wurde: Wie kaum ein vergleichbares Dokument gewährt dieses Journal Einblick in die lebenslangen Leiden eines großen Dichters. Das heißt: Es ist ein Spiegel seiner Seele, in dem auch wir uns wiedererkennen. Ich denke, das reicht zur Begründung von Arthur Schnitzlers ungebrochener Aktualität.

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