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Fragen Sie Reich-Ranicki Dazu kann ich nur sagen: Ich weiß es nicht

08.06.2009 ·  Seine Kolumne beginnt Marcel Reich-Ranicki diesmal mit Fragen, die er nicht beantworten kann. Ein gewisser H. Karasek aus Hamburg aber bekommt eine Auskunft. Er will wissen, ob der Kritiker eine Hermann-Hesse-Phase gehabt habe.

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Marcel Reich-Ranicki: Die Fragen, die ich allwöchentlich erhalte, sind insofern aufschlussreich, als sie deutlich erkennen lassen, wofür sich das lesende Publikum heute besonders interessiert. Es sind viele Briefeschreiber, die mich mit der Frage bedrängen, wen man wohl mit dem nächsten Nobelpreis für Literatur auszeichnen wird - ob vielleicht den längst weltberühmten Amerikaner Philip Roth? Das ist eine der vielen Fragen, zu der ich nur sagen kann: Ich weiß es nicht.

Oft soll ich mich über Schriftsteller äußern, deren Namen ich nie gehört habe, oft über Autoren, mit denen ich mich vor vielen Jahren, ja sogar Jahrzehnten (auch vor dem Zweiten Weltkrieg) befasst habe. Was soll ich nun tun? Noch einmal die Bücher aus meiner Jugend lesen? Dazu kann mich niemand zwingen oder überreden. Häufig soll ich Fragen beantworten, die jeder Buchhändler ebenso, wenn nicht besser beantworten könnte.

Nie fehlt die simple Frage, warum der Schriftsteller XY in Vergessenheit geraten ist. Der Grund ist in den meisten Fällen: Der Briefschreiber ist siebzig oder achtzig Jahre alt, er denkt gern an Bücher, die er vor über einem halben Jahrhundert gelesen hat und kann es nicht begreifen, dass sie jetzt unverkäuflich sind.

Hat sich Ihre Wertschätzung bestimmter literarischer Werke im Laufe Ihres Lebens geändert? Gab es eine Hesse-Phase? Eine Frisch-Phase? Bei welchen Werken blieb die Wertschätzung ein Leben lang gleich? H. Karasek, Hamburg

MRR: Eine Hesse-Phase gab es tatsächlich, nämlich in meiner Jugend. Später las ich Hesse nur, wenn es die laufende literaturkritische Arbeit nötig machte. Eine Frisch-Phase konnte es schwerlich geben, weil ich nach der Lektüre seines Romans „Stiller“ alle Bücher von Frisch, sobald sie erschienen waren, gelesen habe. Bei mehreren, ja vielen Autoren blieb die Wertschätzung tatsächlich ein Leben lang gleich. Hier einige Namen: Shakespeare, Thomas Mann, Schnitzler, Gogol, Büchner, Fontane, Dostojewskij, Heine.

Warum geben Sie sich mit zeitgenössischer Literatur ab? P. Kovatik, Gars am Kamp, Österreich

Um das Leben, zumal unsere Epoche, besser zu verstehen.

Welche Werke der Literatur sollte man mehrmals lesen? Doch wohl nur die ganz großen? Wenn neue Übersetzungen erscheinen, sollte man sich um sie kümmern? Andres Matschkus, Goslar

Dafür gibt es keine Regeln. Jeder muss selber entscheiden, ob er den Roman „Schuld und Sühne“ von Dostojewskij, der unlängst unter dem richtigen Titel „Verbrechen und Strafe“ in neuer und angeblich hervorragender Übersetzung veröffentlicht wurde, noch einmal liest. Ich bin ziemlich sicher, dass sich das lohnt.

Vor dreißig, vierzig Jahren wurde die Lyrik von Krolow viel gelesen und fand sich auch in Schulbüchern. Heute können selbst Germanistikstudenten, zumal die jüngeren, mit ihr nichts mehr anfangen. Warum? Katja Lerch, Einhausen

Karl Krolow war ein sympathischer, gebildeter und hilfsbereiter Autor. Seine Lyrik hatte ein starkes Echo, aber ich fürchte, ihre Zeit ist vorbei. Viele seiner Gedichte sind vor sechzig, siebzig Jahren entstanden. Aber so ganz vergessen sind sie nun doch nicht. Er hat wie kaum ein anderer Dichter junge Poeten gefördert.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: F.A.S.
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