05.05.2009 · Warum ist Wolfgang Hildesheimer beinahe in Vergessenheit geraten? Ist der Komponist Wagner auch ein Literat von Rang? Und hätte sich Thomas Mann nicht den einen oder anderen Schachtelsatz sparen sollen? Marcel Reich-Ranicki antwortet.
Woran liegt es, dass Wolfgang Hildesheimer in Vergessenheit geraten ist? Olga García, Spanien
Reich-Ranicki: Ja, tatsächlich ist Hildesheimer beinahe in Vergessenheit geraten. Könnte das daran liegen, dass er zu seinen Lebzeiten - er wurde 1916 geboren und starb 1991 - etwas überschätzt wurde, zumal seine Romane?
Im Werk dieses Romanciers, Geschichtenerzählers, Essayisten und schließlich Stückeschreibers wird immer wieder die Absurdität der Welt behauptet, entlarvt und dargestellt - zumal in skurrilen, satirischen Parabeln, die auf jeden Fall von einer starken Phantasie zeugen. Am besten erinnere ich mich an den Erzählungsband „Lieblose Legenden“ aus dem Jahr 1952, vor allem an die damals viel zitierten Geschichten „Ich schreibe kein Buch über Kafka“ und „Das Ende einer Welt“. Von Hildesheimers Romanen ist der zeitkritische Monolog „Tynset“ aus dem Jahre 1965 wohl der bedeutendste. Von seinen späteren Romanen sind nicht einmal die Titel („Masante“, „Marbot“) im Bewusstsein des lesenden Publikums geblieben. Hildesheimers erfolgreichstes Buch ist - damals etwas überraschend - seine Mozart-Monographie von 1977.
Aber das ist alles schon lange her. Vielleicht darf ich meine Leser bitten, mich nicht mehr mit der Frage zu bedrängen, warum dieser oder jener Schriftsteller in Vergessenheit geraten sei. Das ist nun einmal der Lauf der Welt - jedenfalls in den meisten Fällen.
Können die Musikdramen Richard Wagners jenseits ihrer heute kaum mehr bestrittenen musikalischen Qualität auch literarisch einen hohen Rang für sich beanspruchen? Wolfgang Behrens, Berlin
Die literarische Qualität der Musikdramen Wagners ist sehr unterschiedlich. Für den weitaus bedeutendsten seiner Operntexte halte ich die „Meistersinger“.
Welche deutschsprachige Literatur seit 1945 wird in fünfzig Jahren den Menschen noch gegenwärtig sein? Deutsch-Grundkurs d13, Röntgen-Gymnasium Würzburg
Das weiß ich nicht. Wieder einmal muss ich sagen: Ich bin zuständig für die Literatur der Vergangenheit und der Gegenwart, nicht aber der Zukunft.
Bei der erneuten Lektüre des „Doktor Faustus“ hatte ich den Eindruck, dass das Werk, das zu den Glanzstücken der Weltliteratur zu rechnen ist, eine noch größere ästhetische Wirkung entfalten könnte, wenn der Autor auf umfängliche Bildungsversatzstücke und auf die eine oder andere Verschachtelung eines Satzes verzichtet hätte. Rainer Hesse
Sie wollen also Thomas Mann belehren, wie man Deutsch schreiben sollte? Sie wissen vielleicht, dass man ihn für den größten deutschen Stilisten seit Goethes Tod hält? Ich muss sagen, Sie sind sehr mutig.