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Fragen Sie Reich-Ranicki : Bleib bei deinem Leisten

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Henryk Sienkiewicz Bild: AP

Marcel Reich-Ranicki über Kritiker als Autoren, die politische Haltung des Lyrikers Josef Weinheber, die historischen Romane des polnischen Nobepreisträgers Henryk Sienkiewicz und Hans Christian Andersen als Lyriker und Romancier.

          Können Sie mir erklären, weshalb es von Kritikern keine erwähnenswerten Romane oder Gedichtbände gibt?
          Kurt Liebenberg, Bielefeld

          Marcel Reich-Ranicki: Ebenso könnte man fragen, warum sich noch nie ein Musikkritiker als Violinvirtuose oder Pianist, als bedeutender Dirigent oder Komponist bewährt hat. Man hat auch noch nie gehört, daß ein Sportberichterstatter zugleich als Boxer oder Langstreckenläufer erfolgreich war.

          Für die Kritik ist eine ganz bestimmte Begabung erforderlich, nicht aber die Fähigkeit, die kritisierten Werke zu schreiben. Der Essayist und Kritiker Hans Egon Holthusen, der von 1913 bis 1997 lebte, hat auch Gedichte und einen Roman verfaßt, die allesamt schroff abgelehnt wurden. Andererseits hat man manche seiner essayistischen Schriften mit Interesse diskutiert.

          Ein noch heute wirkender Kritiker von Format hat auch einen Roman geschrieben, doch die Arbeit nach einiger Zeit abgebrochen und das Vorhandene nie publiziert. Recht hat er getan, denn man hätte ihm gesagt: „Schuster, bleib bei deinem Leisten.“ Ein anderer Kritiker hat mehrere belletristische Bücher publiziert. Dies hat, um es vorsichtig auszudrücken, seinem Ruf und Ansehen nicht genutzt.

          Haben Sie Gedichte auch von Josef Weinheber in Ihren Lyrikkanon aufgenommen?
          Wolfgang Müller, Essen

          Marcel Reich-Ranicki: Der Österreicher Josef Weinheber, der 1892 in Wien geboren wurde, war ein Lyriker von Talent, doch von Politik hatte er offenbar, wie viele seiner Zeitgenossen, keine Ahnung. Er trat 1931 der NSDAP bei, wurde ein repräsentativer Autor der Nationalsozialisten und blieb es auch während des Zweiten Weltkriegs. Als sich die sowjetische Armee Österreich näherte, nahm er sich (im April 1945) das Leben.

          In dem von mir herausgegebenen Kanon der deutschen Literatur werden Autoren in Anerkennung nicht ihres politischen Wohlverhaltens aufgenommen, sondern ihrer literarischen Leistungen. Das gilt auch für Josef Weinheber, von dem es im Kanon vier Gedichte gibt.

          Mir ist aufgefallen, daß Sie bei Aufsätzen über polnische Literatur so gut wie nie den Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz erwähnen. Warum?
          Hans P. Wolters, Köln

          Marcel Reich-Ranicki: Das ist nicht ganz richtig: In meinem Buch „Erst leben, dann spielen“ mit dem Untertitel „Über polnische Literatur“, erschienen 2002 im Wallstein-Verlag, Göttingen, wird Sienkiewicz einige Male erwähnt, allerdings immer sehr knapp. Der Grund: Seine historischen und patriotischen Romane haben mich nur in meiner Jugend interessiert.

          Ich hatte damals zwei gelesen: Den 1896 erschienenen Roman „Quo vadis?“, der in Rom zur Zeit des Kaisers Nero spielt und rasch weltberühmt wurde, und den wenig später publizierten Roman „Die Kreuzritter“, der Ereignisse zur Zeit der Schlacht bei Tannenberg von 1410 behandelt. Beide Romane sind mit großer Anschaulichkeit erzählt und zeugen vor allem von den handwerklichen Fähigkeiten des Autors, der spannende Geschichten mit theatralischen Effekten liebte.

          In Deutschland wurden manche seiner Romane in den zwanziger Jahren verhältnismäßig viel gelesen, vor allem „Quo vadis?“. Heute ist er hierzulande wohl vergessen, und auch in Polen ist sein Ruhm verblaßt.

          Wie erklären Sie sich, daß Hans Christian Andersen in Deutschland (und wohl auch weltweit) nahezu ausschließlich als Autor von Märchen bekannt ist, während seine Romane und Gedichte eher unbekannt sind?
          Nils Haberstumpf, Braunschweig

          Marcel Reich-Ranicki: Das hat einen einfachen Grund: Andersens Märchen sind ungleich schöner, origineller und bedeutender als seine übrigen Werke.

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