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Fragen Sie Reich-Ranicki Aber sein Flüstern wurde gehört

Der russische Dramatiker Tschechow musste auf sein Talent erst aufmerksam gemacht werden, und auch später hätte er nie eine Wette auf Weltruhm abgeschlossen. Heute ist er einer der meistgespielten Klassiker.

© dapd Vergrößern Schlussakkord von Tschechows Werk: Szene aus einer Aufführung des „Kirschgarten” an der Berliner Volksbühne

Wer war Tschechow? Sibylle Sander, Frankfurt am Main

Er war ein Besessener wie Dostojewskij, kein Prediger wie Tolstoi. Er hat sich nie duelliert, er nahm an keiner Verschwörung teil. Die einzige Frau, die er liebte, hat er kurz vor seinem Tod geheiratet. Die Medizin nannte er seine legitime Ehepartnerin, die Literatur seine Geliebte.

Um ein paar Rubel zu verdienen, schrieb er als Neunzehnjähriger eine kleine Humoreske für eine Provinzzeitung. Von da an finanzierte er sein Studium als Witzblattlieferant. Seine Schreiberei nahm er nicht ernst. Er musste erst darauf aufmerksam gemacht werden, dass er Talent hatte. Kurz vor seinem Tod sagte er: „Alles, was ich geschrieben habe, wird in wenigen Jahren vergessen sein.“ Er war auch dagegen, dass man seine Bücher übersetzte - die seien doch für Ausländer unverständlich. Inzwischen sind sie in mehr als siebzig Sprachen erschienen, in einer Auflage von mehr als fünfzig oder sechzig Millionen Exemplaren.

Anton Tschechow © dpa Vergrößern Zart war sein Spott, mild seine Ironie: Anton Tschechow, einer der meistgespielten Klassiker

Meister der leisen Anspielung

Die Figuren in den Theaterstücken und den Novellen von Tschechow sind kleine Beamte, hoffnungslos verliebte Mädchen, gescheiterte Intellektuelle, vom Leben enttäuschte Frauen, nachdenkliche Ärzte. Er war oft zu diskret, um die wahren Ursachen der Tragödien in hellem Licht zu zeigen - er ließ sie nur ahnen, er deutete sie behutsam an. Laute Töne, grelle Farben, harte Konturen waren für ihn unerträglich. Er bevorzugte leise Anspielungen und weiches verfließendes Halblicht.

Zart war sein Spott, mild seine Ironie. Alles, was er geschrieben hat, umspielten Schatten von Schwermut. Er konnte nicht lachen, ohne zu weinen. Schon mit dreißig war er ein todkranker Mann, auch ihn hat die Tuberkulose dahingerafft. Man spürte immer sein Mitleid mit der Kreatur.

Andere russische Schriftsteller stöhnten und schrien - er flüsterte nur. Aber sein Flüstern wurde gehört - im ganzen Zarenreich, später in der ganzen Welt. Er verkündete keine Philosophie, aus seinem Werk ergibt sich kein System. Er konnte der Welt „nicht die Spur einer rettenden Wahrheit in die Hand geben“.

Amüsante Langeweile

In seinen Novellen strich er sehr häufig, meist die ersten und die letzten Sätze. Er wollte lieber zu wenig als zu viel sagen. Freimütig bekannte er: „Ich habe eine Abneigung gegen die Poesie.“ Dennoch schrieb er die poetischsten Prosadramen der russischen Literatur. Es sind scheinbar antitheatralische Milieustudien, doch werden sie von allen Bühnen der Welt gespielt.

Die Menschen werden nicht durch ihre Taten charakterisiert, sondern durch ihre Untätigkeit. Sie reden miteinander, meist nur gleichgültiges Zeug. Sie trinken Tee, sie langweilen sich und sind unglücklich. Eigentlich langweilen sich bei Tschechow alle - nur nicht das Publikum.

Das Wichtigste in seinen Dialogen sind die Pausen. Das Fundament seiner Stücke ist das Schweigen. Tschechow zeigte den Menschen, der in seiner Qual verstummt. Die Kunst, eine ganze Welt mit wenigen Details und Streichlichtern zu charakterisieren, hat er vollendet beherrscht. Allerdings hat man ihn nicht sofort begriffen. Das Stück „Die Möwe“ wurde bei der Petersburger Uraufführung ausgepfiffen. Die Szenen aus dem Leben Russlands um die Jahrhundertwende wachsen immer wieder ins Zeitlose. Da sie aus der Feder eines Dichters stammen, werden sie zu Sinnbildern des menschlichen Daseins. „Die drei Schwestern“ zeigen die russische Provinz des Elends und gleichzeitig das Elend der Provinz schlechthin. Die Sehnsucht der Schwestern nach Moskau ist die ewige Sehnsucht nach einer besseren Wirklichkeit.

Tschechows letztes Stück „Der Kirschgarten“ ist ein Gleichnis von der Vergänglichkeit des Lebens. Dieser Garten ist ein Stück Boden mit einem realen Wert. Doch für die im Mittelpunkt stehende Ranjewskaja wird es zum Symbol der Reinheit. Die dumpfen Axtschläge, mit denen der Kirschgarten abgeholzt wird, sind die Schlussakkorde des Tschechowschen Werkes und zugleich einer ganzen Epoche.

Er wurde 1860 geboren und starb schon 1904. Gorki schrieb in seinem Brief an Tschechow vom Jahre 1899: „Sie sind der einzige freie Mensch, den ich kenne, der erste, der nichts anbetet.“

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 13.12.2010, 12:02 Uhr