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Samstag, 18. Februar 2012
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Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki Die Menschen sind eben schamlos

28.12.2006 ·  Warum lieben bei Fontane immer die alten Männer die jungen Frauen? Und warum lehnt Grass es wohl ab, seine Taschenbücher zu signieren? Wie hält es Marcel Reich-Ranicki selbst damit? Neue Fragen an den großen Literaturkritiker.

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Warum gibt es bei Fontane immer wieder diesen großen Altersunterschied zwischen Mann und Frau? Phänomen seiner Zeit? Oder Manie des Alters?
Christoph Harmening, Bremerhaven

Lesen Sie doch bitte den „Faust“, zumal den ersten Teil, und überlegen Sie sich, warum Faust das Gretchen liebt und nicht die Marthe. Und warum hat sich der alte Goethe um die Gunst der kleinen Ulrike von Levetzow bemüht? Übrigens wurde mir mal vertraulich erzählt, daß auch in Bremerhaven, man hätte es nicht geglaubt, gelegentlich ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen den Herren und Damen beobachtet wird. Die Menschen sind eben schamlos.

In jungen Jahren habe ich mit Begeisterung die Romane von Charles Dickens gelesen. Inzwischen hört man wenig von ihm. Was halten Sie von Dickens, und welches Werk ist sein wichtigstes?
Rainer Joachim Hinz, Augsburg

Es stimmt überhaupt nicht, daß man von Dickens heute nur wenig höre. Jedoch: Seine Hauptwerke (die Romane „Die Pickwickier“, „Oliver Twist“ und „David Copperfield“) sind in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erschienen. Sie sind immer noch gut und wurden auch mehrfach (zum Teil hervorragend) verfilmt, zuletzt „Oliver Twist“ im Jahre 2006.

Ich habe diese drei Romane vor bald siebzig Jahren gelesen und auch beinahe alle Filme gesehen - mit Interesse und Respekt und vor allem mit viel Vergnügen. Am meisten hat mich „David Copperfield“ beeindruckt. Ob mein Urteil jetzt noch gilt? Ich weiß es nicht. Ich müßte den Roman, um dieses Urteil zu überprüfen, noch einmal lesen. Ich werde es nicht tun. Wundert Sie das? Aber ohne abermalige Lektüre kann ich nicht bestätigen, daß es Dickens war, der die Nützlichkeit der Romanform für die Gesellschaftskritik entdeckt hat und sich damit große Verdienste erworben hat.

Bei dieser Gelegenheit: Ich bitte, mir die Fragen, dieses oder jenes Buch sei in Vergessenheit geraten, zu ersparen. In der Regel handelt es sich um verstaubte Romane, die von älteren Lesern vor dreißig oder vierzig Jahren gut gefunden wurden.

In Lübeck kaufte ich im Grass-Haus die „Blechtrommel“ und bat den gerade anwesenden Autor, das Buch zu signieren. Er lehnte es ab, denn er signiere nur gebundene Bücher. Würden Sie genauso reagieren?
Eva-Maria Stegemann

Nein, ich signiere auch meine Taschenbücher. Aber ich habe Verständnis für Grass, daß er die Zahl der Bücher, die er signieren soll, unbedingt reduzieren möchte. Ich tue es auch: Ich weigere mich, Widmungen zu schreiben („Für Tante Erna zum 70. Geburtstag“). Viele Buchkäufer nehmen mir das übel. Sie wissen nicht, wie anstrengend es ist, hundert oder gar zweihundert Bücher, zumal nach einer Lesung, zu unterschreiben. Die Schriftsteller haben ihre Arbeit zu tun, sie müssen sich gegen aufdringliche, rücksichtslose Leser verteidigen. Und die Leser sollten sich hüten, die Autoren immer wieder zu stören - es sei denn, es sind unfähige Individuen, und man macht sich verdient, wenn man sie hindert, zu schreiben.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.12.2006, Nr. 51 / Seite 26
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