25.07.2005 · Welcher deutsche Schriftsteller hat das Mittel der Polemik beherrscht wie keiner vor ihm und keiner nach ihm, wer ist das Leitbild des unabhängigen Kritikers, der nur für das Publikum schreibt? Marcel Reich-Ranicki über sein großes Vorbild.
Von welchen großen Kritikern der Vergangenheit haben Sie viel gelernt?
Dr. Wolfgang Herling, Berlin-Charlottenburg
Ich habe von mehreren großen deutschen Kritikern viel gelernt. Zunächst einmal von Lessing. Seine große Leidenschaft hieß Polemik. Er liebte den Widerspruch, die Diskussion, den Streit. Die Wahrheit, meinte er, habe bei jedem Streit gewonnen. Alle seine Werke, natürlich auch die Dramen vom „Jungen Gelehrten“ bis zum „Nathan“, sind mehr oder weniger getarnte, doch unmißverständliche Kampfschriften.
Das Fräulein von Barnhelm und der Major von Tellheim - sie flirten miteinander und polemisieren gegeneinander, ja sie tun meist beides zugleich. Die Polemik als Flirt - das kannte nicht einmal Shakespeare, das gab es vielleicht, ich kann mich nicht genau erinnern, in Ansätzen bei Moliere. Aber letztlich hat es doch erst Lessing erfunden. Wahrlich, ihm standen alle Register der Polemik zur Verfügung, und alle beherrschte er virtuos - wie kein Deutscher vor ihm und keiner nach ihm.
Von konstanten oder endgültigen Wahrheiten hielt er nichts. Man kann aus seinem Werk kein System ableiten, keine Theorie der Literatur, kein Programm der Kritik. Axiome sind da nicht zu finden, sondern immer nur Thesen und Vorschläge, die zur Diskussion gestellt werden, Empfehlungen und Vorschläge, von denen manche - aber natürlich nur manche - ihre Aktualität bis heute nicht eingebüßt haben.
Nie war er bereit, sich einer Schulmeinung anzuschließen, nie hat er eine Gruppe oder Stilrichtung repräsentiert. Die Einsamkeit schien ihm die Voraussetzung für die Unabhängigkeit des Kritikers, die Unabhängigkeit die Bedingung für sein Amt. An den Prinzipien der Aufklärung - Vernunft, Toleranz, Humanität - hielt er fest, doch nicht einmal ihnen erlaubte er, seine Bewegungsfreiheit einzuengen.
Im Grunde urteilte er von Fall zu Fall. Ob es sich um ein Buch, ein Theaterstück, eine philosophische Abhandlung oder publizistische Debatte handelte - er blieb stets dicht am Gegenstand, er konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf das konkrete Faktum. Und er forderte, daß der Kritiker, der sich mit einem bestimmten Werk auseinandersetzt, stets auf das Ganze aus sein müsse. Er hat immer - und das war damals etwas Außergewöhnliches - den Primat der Praxis vor der Theorie, der Kunst vor der Wissenschaft von der Kunst verfochten.
Lessing hielt die pädagogische Funktion der Ablehnung für dringend notwendig. So hat er der Negation in der Literaturkritik zu höchsten Würden verholfen: Die nachdrückliche Warnung vor einem schlechten Buch hielt Lessing für einen Dienst, „den man dem gemeinen Wesen leistet“. Er protestierte gegen einen situationsbedingten Preisnachlaß, also gegen jene Kritiker, die bereit sind zu loben, nur weil Besseres gerade nicht zu haben sei: „Wenn Hinkende um die Wette laufen, so bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kommt, doch noch ein Hinkender.“
Unverkennbar ist in Lessings kritischer Prosa die Herkunft vom Journalismus. Das hat ihr nicht geschadet. Denn er diente der Wissenschaft mit dem Temperament des Journalisten und dem Journalismus mit dem Ernst des Wissenschaftlers. Seine Kritik war an das Publikum gerichtet, dessen Reaktion ihm nie gleichgültig war.
Mit dem Adressaten hat auch die Diktion dieser Kritik zu tun: Lessing scheute weder Übertreibungen noch Überspitzungen, er liebte effektvolle Formeln und pointierte Sentenzen und übernahm viele aus der Umgangssprache stammende Wendungen - alles um der Verständigung, der Deutlichkeit willen. Ja, ich bin dessen sicher: Ich habe viel von Lessing gelernt.